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Diese Eiswüste bricht jedes Ego

Auf dem Weg zum Südpol marschierte er 400 Kilomter quer durch die Antarktis. Bei Wind und Wetter und Temperaturen von bis zu minus 40 Grad. Der 30-jährige Offizier Dennis Lehnert aus Königsbrunn trat für die fünfteilige ZDF Abenteuerreihe „Der Wettlauf zum Südpol“ neben den prominenten Kollegen Markus Lanz und Joey Kelly für Deutschland gegen ein österreichisches Team unter der Führung von Skistar Hermann Maier an. Wie Claudia Beitsch hatte auch Lehnert sich über ein hartes Auswahlverfahren für dieses Abenteuer qualifiziert.

Gratulation zum Erreichen den Südpols! Alle Finger und Zehen noch dran?

Alles dran, alles gut. Meine Finger sind, nachdem ich sie mir erforen hatte, zwar immer noch etwas taub, aber das wird wieder. Mir geht es bestens, außer, dass ich momentan ein paar Kilos zu viel drauf habe. Die müssen wieder runter.

Hatten Sie nicht enorm an Gewicht verloren?

Ja, wir haben alle zwischen 6 und 10 Kilo in der Antarktis gelassen. Als ich aber zurückkam, hatte ich Heißhunger, vor allem auf Schokoriegel. Kaum zu glauben, aber ich konnte 10 bis 12 Stück täglich davon verdrücken.

Wie schwer fiel Ihnen der Wiedereinstieg in den Alltag?

Als ich aus der Antarktis zurückkam, stand ich vor der besonderen Situation, keine Wohnung zu haben. Weil ich mit meiner Freundin nach Straubing umgezogen bin, mussten wir vier Wochen bei meinen Schwiegereltern überbrücken. Es gab also keine große Rückzugsmöglichkeit für mich. Das war schwer, denn genau danach sehnte ich mich: nach meinen eigenen vier Wänden.

Konnten Sie eigentlich schon Ausschnitte aus der ZDF-Dokumentation sehen?

Ja, Claudia und ich waren kürzlich in München eingeladen und haben erste Filmausschnitte gesehen. Das war unglaublich lustig für uns beide. Es ist sehr ungewohnt, seine eigene Stimme im Fernsehen zu hören. Richtig komisch.

Wie unterschied sich Ihre Vorstellung von den tatsächlichen Strapazen, die Sie im ewigen Eis erwarteten?

Ich hatte mich vorab auf das Schlimmste eingestellt, war bereit mich richtig zu quälen. Da ich aus Erfahrung wusste, wie kälteempfindlich meine Finger sind, hatte ich vor den tiefen Temperaturen im Vorfeld richtig Bammel. Zu Recht. Bereits in der Akklimatisierungswoche hatte ich an allen Fingern riesige Kälteblasen. Das hat mich mental belastet, weil ich fürchtete, der Teamarzt würde mich aus dem Rennen nehmen, was Gott sei Dank nicht der Fall war. Rein kräftemäßig war der Anfang happig. Der Schlitten war so brutal schwer. Je leerer er aber wurde, umso besser ging es mir. Positiv überrascht haben mich meine körperlichen Reserven ab der Hälfte des Rennens.

Gewöhnt man sich eigentlich an die tiefen Temperaturen?

Ja, in der Tat. Minus 25 Grad empfand ich irgendwann als eine angenehme Marschtemperatur. Minus 40 Grad allerdings nagen an einem. Das ist einfach abartig kalt. Dazu kommt ein ständiger Wind. Sobald du auch nur ein, zwei Minuten untätig herumstehst, kühlst du aus. Aber auch die Sonne setzt einem zu. Am Südpol sah ich völlig ramponiert aus. Das Gesicht total verbrannt, Nase erfroren, Blasen an allen Fingern.

Gab es neben den Temperaturen noch weitere unangenehme Überraschungen?

Zu Beginn der Tour, in Küstennähe, wurden wir von Stürmen mit Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h heimgesucht. Später erlebte ich mein erstes „White-Out“, ein meteorologisches Phänomen, bei dem über diffuse Reflexion des Sonnenlichts, der Horizont verschwindet. Boden und Himmel werden ein einziger weißer Brei. Du kannst keine Konturen mehr erkennen, siehst nicht, wo du hintritts. Hilf- und orientierungslos tapst man durch die Gegend und – jetzt kommt’s – wird richtig seekrank. Seekrank im ewigen Eis? Das glaubt dir doch keiner!

Wie darf man sich, vor allem nachts, den Toilettengang in der Kälte vorstellen?

Im Normallfall geht man dazu natürlich hinter‘s Zelt. Für extreme Temperaturen allerdings hatte jeder eine Pinkelflasche dabei. Für‘s größere Geschäft geht man mit einem Spaten raus. Aber es gibt keinen Baum, hinter dem man sich verstecken könnte.

Was hat die Weite der Antarktis mit Ihnen angestellt?

Anfangs ist man euphorisch. Aber immer Laufe der Zeit setzt einem die Eintönigkeit der Landschaft gewaltig zu. Keinerlei Perspektivenwechsel, keine Farbe, immer nur Weiß. Die Kunst besteht darin, völlig abzuschalten und abgestumpft wie eine Maschine zu marschieren. Wenn du anfängst, über dein Tun nachzudenken, kannst du es vergessen. Über einen langen Zeitraum ausschließlich mit drei Menschen zusammen zu sein, war für mich schwierig. Zudem wussten Claudia und ich ja anfangs nicht, wie die beiden Promis wirklich ticken. Der vollkommene Verlust der Privatsphäre aber, war für mich eindeutig die größte Herausforderung. Du kniest im Schlafsack und – pardon – pinkelst neben Markus Lanz in eine Flasche! Das ist hart. Die Schlafsituation hingegen, dicht an dicht im Zelt, empfand ich als gemütlich.

Gab es einen Punkt, an dem Sie ans Aufgeben gedacht hatten?

Nein, ich bin kein Typ, der aufgibt. Meine Kollegin Claudia allerdings hatte am dritten Tag einen echten Durchhänger. Sie war körperlich und mental total am Ende, saß apathisch im Zelt und weigerte sich beharrlich weiterzulaufen. Sie stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Nach ein paar Gesprächen aber hat sie sich derappelt. Tags darauf ist sie marschiert als wäre nie etwas gewesen.

Können Sie uns kurz Ihren Tagesablauf schildern?

Unsere Strategie war, täglich zwischen 30 und 40 Kilometer zu marschieren. Alle 90 Minuten legten wir eine zehnminütige Pause ein. Nach Erreichen des Tageszieles standen Zeltaufbau und Kochen auf dem Programm. Da das Schneeschmelzen zeitaufwändig ist, dauerte es drei Stunden bis alle gegessen und wir die Thermoskannen wieder aufgefüllt hatten. In dieser Zeit plaudert man, schraubt an seiner Ausrüstung herum und trocknet die Kleidung. Danach wurde geschlafen. Nach drei bis fünf Stunden ging‘s wieder los.

Drohte die Stimmung innerhalb des Teams einmal zu kippen?

Klar gab es Spannungen. Das ist normal in so einer Situation. Jeder musste sich zurücknehmen. Auch ich als bekennender Dickschädel habe das rasch erkannt. In der Antarktis hilft es dir auch gar nicht, prominent zu sein. Diese Eiswüste bricht jedes Ego. Am Ende geht es ja um die Sache. Wir wollten als Team am Südpol ankommen. Und das haben wir mit Anstand geschafft.

Sie waren im Vergleich zu den historischen Vorbildern Scott und Amundsen sehr gut ausgerüstet, hätten im Notfall Hilfe erhalten. Wie war das wohl vor 100 Jahren?

Die Menschen damals hatten keinerlei Verbindung zur Außenwelt, waren völlig auf sich alleine gestellt. Kein Rettungsanker für den Extremfall. In dieser Isolation müssen sich die Menschen extrem verloren gefühlt haben. Eine unvorstellbar große mentale Leistung, die mir unglaublichen Respekt abringt.

Konnten Sie über das Satellitentelefon Kontakt zur Außenwelt aufnehmen, Nachrichten erhalten?

Nein, das konnten wir nicht. Auch nicht an Weihnachten. Erst nach dem Rennen, am 3. Januar, rief ich meine Eltern und meine Freundin an. Eine Frage hatte ich allerdings bis dahin permanent im Hinterkopf.

Nämlich?

Wer wohl Herbstmeister geworden ist! Als Bayernfan war ich dann ziemlich enttäuscht.

Hat Sie diese Expedition nachhaltig verändert?

Was den Umgang mit anderen Menschen in so einer Extremsituation betrifft, habe ich enorm an Erfahrung gewonnen. Ich habe über die Entbehrung auch den Begriff Luxus neu definieren müssen. Eine warme Toilette, eine Tür, die man hinter sich schließen kann, die Farbe Grün oder einfach nur faul auf dem Sofa zu sitzen – das alles kann echter Luxus sein.

Träumten Sie irgendwann von deftigem Essen?

Und wie! Ich träumte ständig von Currywurst mit Pommes und Pizza. Unser Expeditonsessen schmeckte ja nicht wirklich. Mit Genuss hat das nichts zu tun. Das zwingst du dir halt rein.

Wann kamen Sie am Südpol an? Hatte ein siegreiches Team Deutschland Grund zu feiern?

Ah, Fangfrage? Wir waren schnell. Die Österreicher aber auch. Früher als erwartet erreichten beide Teams am 30.12. 2010 den Südpol. Soviel kann ich verraten: Team Deutschland hat ordentlich gefeiert! Und zwar mit den Ösis – den Jahreswechsel. Wer gewonnen hat, darf ich aber nicht verraten.

Würden Sie wieder an diesem Wettlauf teilnehmen?

Jederzeit! Mir gefiel vor allem der Wettkampfgedanke hinter diesem Projekt. Konkurrenz spornt mich an. Sich einmal im Leben mit der Skilegende Hermann Maier duellieren zu dürfen, ist doch grandios. Seine Teilnahme hat mich bereits im Training angestachelt. Wer möchte sich schon vor einem Herminator blamieren?