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Erbsen(er)zählerei

Seit vielen Jahren erscheinen seine Klettercartoons in diversen Alpinmagazinen. Sechs Klettercomic-Bände hat er herausgebracht und bezeichnet sich selbst als den Hofnarren der Kletterszene. Eberhard Köpf (43), pardon, Erbse kennt die Kletterszene und sie ihn. Seit 2007 tourt er mit einem eigenen Kletter-Kabarettprogramm durch die Lande. Ab Herbst 2011 geht der gebürtige Freiburger mit einem neuen Programm an den Start. Grund genug, ihm am Ingelheimer Hof/Kraichgau einen Besuch abzustatten.

Wie kommst du zu deinem Spitznamen, Erbse?

Der Name hat sich schon zu Grundschulzeiten aus meinem Vornamen entwickelt. Die Namens-Genese war quasi von Eberhard zu Ebi, später Ebse und irgendwann war ich Erbse.

Konntest du als Kind schon gut zeichnen?

Ich war als Kind fasziniert davon, mit eigenen Mitteln, aus mir selbst heraus, die Welt abbilden zu können. Als ich einen Bleistift halten konnte, ging es auch schon los. Dann mischten sich Lust, Begabung und Übung. Und ja, irgendwann konnte ich richtig gut zeichnen.

Warum gerade Comic?

Wieso das so ist, kann ich nicht erklären. Denn als Kind habe ich mich nicht groß für Comics interessiert, aber grotesker Weise von Anfang an in diesem Stil gezeichnet. Allerdings habe ich Wilhelm Busch regelrecht inhaliert. Ich konnte alle seine Texte auswendig. Und seine Zeichnungen haben mich ebenso fasziniert. Mit 13 zeichnete ich meinen ersten Comicband, eine Westerngeschichte, die ich sogar an den Ehapa Verlag geschickt hatte. (Lacht) Aber außer ein paar Bonbons und einer freundlichen Absage kam da nichts.

Warum hast du später nicht Grafikdesign oder freie Malerei studiert?

Weil ich nie im Leben gedacht hätte, dass ich einmal vom Malen leben könnte. Außerdem wurde Sport immer wichtiger für mich. Als die Entscheidung anstand, habe ich mich für die Sicherheit, also ein Sport- und Germanistikstudium in Konstanz entschieden, wollte also Lehrer werden. Aber irgendwie bin ich der Zeichnerei nicht entkommen, habe während meines Studiums im Nebenjob schon Illustrationen gemacht. Und so kam eines zu anderen. Es entstanden erste Klettercomics, die auf Resonanz stießen. 1995 kam das Magazin „Klettern“ auf mich zu und veröffentlichte erste Cartoons. 1996 erschien mein erstes Klettercomic-Buch.

Also hat dich dein Talent eingeholt, obwohl du beruflich davor auf der Flucht warst?

Ich glaube, dass das Zeichnen tatsächlich meine Bestimmung ist. Und der kommt man ja bekanntlich nicht aus. Wie heißt es so schön? Der Mensch denkt und der Herrgott lenkt. Ich hatte mehrere Jahre als Outdoor-Trainer und im Nebenjob als Zeichner mein Geld verdient, nahm 2002 einen lukrativen Job im Trainings-und Seminarbereich an und dachte, damit wären die Würfel gefallen. Nachdem ich mir meine zeichnerische Bestimmung regelrecht wegamputiert hatte, geriet ich allerdings in größte Seelenöte. Ich war unglücklich und bereits nach einem halben Jahr wurde mir eine lupenreine Depression als Folge eines Burnouts diagnostiziert. 2003 entschied ich mich endgültig hauptberuflich fürs Zeichnen und gab meinem vierten Comicband auch den bezeichnenden Titel „Ich komme“.

Du warst (und bist) ein guter Kletterer. Dein größter Erfolg?

Ich war regelrecht süchtig nach Klettern. Dieser Sport hat viele Jahre mein Leben bestimmt. Dabei bin an den 10. Grad herangeklettert. Und zwar ganz autodidaktisch – wie beim Zeichnen. Einen glatten 10er wäre ich schon gern geklettert. Aber bei 10- war dann Schluss. 1996 war eindeutig mein bestes Kletterjahr, aber da ging’s ja auch im Beruf bergauf. Und plötzlich ging eine neue Tür auf: und ich wurde quasi der Hofnarr der Kletterszene.

Seit 2007 tourst du mit einem Kletter-Kabarettprogramm durch die Lande. Wann hast du bemerkt, dass du Menschen unterhalten, zum Lachen bringen kannst?

Gute Frage, ich glaube es ja bis heute nicht, dass ich witzig bin. Aber offensichtlich bin ich es. Als Outdoor-Trainer und Seminarleiter war ich es ja gewohnt vor vielen Leuten zu sprechen. Mir liegt die Rolle durchaus, wenn sich der Wahrnehmungsfokus eines Publikums auf mich richtet.

Die Initialzündung kam dann eigentlich von Alexander Huber, der mir den Floh ins Ohr setzte, es doch einmal mit einem eigenen Vortrag zu versuchen. Die Idee hat mir grundsätzlich gefallen, aber es hat ganze fünf Jahre gedauert bis ich mich dazu durchgerungen und meinen eigenen Weg gefunden hatte. Ich ging ursprünglich von einem klassischen Kletter-Diavortrag aus, den ich ironisieren wollte. Erst beim Erstellen des Programms, im Tun selbst ergab sich dann der Wunsch, eigene Songs einzustreuen und so entstanden Lieder, die ich auf meiner Klampfe begleite. 2007 stand das Programm und ja, am Ende ist es recht witzig und vor allem rund geworden. Ich glaube mein Programm funktioniert, weil es echt ist.

Kleines Spiel: Du musst dich von allem Materiellen trennen, darfst drei Dinge behalten. Welche sind es?

Ein Bleistift, einen Block und meine Gitarre würde ich behalten. Damit kannst du mich dann einen Sommer lang auf eine Almhütte sperren oder meinetwegen auf einer Insel absetzen.

Dein Repertoire ist groß: Comic-Bücher, Kabarett, eigene Songs, Live-Act-Zeichnen, Ausstellungen. Wann kommt ein Film?

Lustig, diese Frage, weil es tatsächlich ansteht und auch momentan passiert. Ich arbeite gerade an meinem neuen Programm, mit dem ich ab Herbst an den Start gehe. Und der Abschluss ist ein viertelstündiger Kurzfilm.

Wer ist der Hauptdarsteller? Du oder eine Comicfigur?

Ich. Bisher habe ich in meinem Comics ja immer eine gezeichnete Figur losgeschickt und mit meinen Hirnfurzen vergewaltig. Jetzt, wo ich in dem Film der Darsteller bin, holen mich quasi meine Figuren ein und ich sehe mich selbst als Comicfigur exponiert. Das ist schon alles sehr absurd, komisch und spannend.

Ist Erbse nervös vor einem Auftritt?

Immer! Und zwar so, dass es zum Teil sehr unangenehm ist. Ich habe regelrecht Schiss davor.

Bei der Premiere deines neuen Programms wird das sicher noch schlimmer sein?

Ja sicher, aber gleichzeitig freue ich mich auch sehr, es endlich zu zeigen, rauszulassen. Es wird höchste Zeit.

Ist deine Vielseitigkeit eigentlich ein Fluch oder Segen?

Ein Segen. Ganz klar. Es gibt viele Zeichner, die deutlich besser sind als ich. Auch bin ich kein großer Barde und Sänger. Aber insgesamt scheint das Paket, das ich da geschnürt habe, ganz stimmig zu sein. Die Mischung macht mich eher einzigartig.

Du bist Vater von drei Kindern. Stören Kinder die Kreativität oder inspirieren sie dich?

Klar stören Kinder vordergründig. Aber ich habe in Tanja eine Partnerin gefunden, die mir den Rücken freihält, wenn ich mich in die Arbeit versenke. Die Kinder strukturieren aber auch mein Leben. Morgens bringe ich sie in den Kindergarten, abends dann ins Bett. Ganz ehrlich habe ich auch eine zeitlang gedacht, meine Kinder hindern mich an meinem Dasein als Kletterer. Erst im Rückblick erkenne ich, dass es einfach ein neuer Lebensabschnitt war, der anstand. Ich bin älter geworden und kann gar nicht mehr so gut klettern wie damals Mitte 20. Das wäre auch ohne Kinder so. Momentan baue ich gerade einen Boulderraum bei mir hier in der Scheune. Vielleicht klettere ich ja bald mit meinen Kindern. Kurzum: Kinder sind eine Bereicherung und hindern einen an gar nichts.

Hast du schon einmal darüber nachgedacht einen Hit zu landen? Vielleicht einen Wiesnhit zum Mitsingen?

Ich hätte grundsätzlich nichts dagegen, aber plane so etwas nicht. Ein echter Kracher lässt sich nicht planen. Der muss schon aus mir heraus kommen, also entstehen. Vielleicht boomt ja meine CD, die ich gerade produziere oder findet mein Kurzfilm eine Fortsetzung. Wer weiß, aber die Orientierung „Ich möchte einen Hit landen“ kommt für mich nicht in Frage. Wenn so etwas je kommen sollte, dann kommt es ohnehin.

Zeichnest du noch old school, also mit Bleistift, oder am Computer?

Ich bin ein Kind alter Schule und somit analog. Erst Bleistift, Tusche und dann erst das Ergebnis digitalisieren und eventuell nachbearbeiten am Computer.

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dich nicht nur auf die Kletter- Alpinszene zu beschränken, sondern darüber hinaus Kabarett zu machen?

Nein, es gibt keine derartigen Bestrebungen. Momentan funktioniert das, was ich tue. Das macht mich zufrieden. Mehr brauche ich nicht. Ich verschließe mich aber nicht irgendwelchen Entwicklungen, solange das Ergebnis authentisch und stimmig ist, bin ich offen.

Stell dir vor du machst Kabarett und keiner lacht. Ist dir das schon einmal passiert?

Ja durchaus. Aber nur als ich im Vorprogramm von Alexander Huber aufgetreten bin. Die wollten einfach den Huber Alex sehen und nicht mich. Aber als ich dann solo auftrat, ist mir das nicht mehr passiert. Das Setting muss schon stimmen. Ich habe mein ganz eigenes Publikum.

War Erbse als Kind auch schon eine Rampensau?

Ganz und gar nicht. Ich war bis zum Abi in fünf Schulen und sieben Klassen, weil meine Eltern so oft umgezogen sind. Insofern fühlte ich mich nie wirklich angenommen, war eher der Außenseiter, weil ich ja nie wirklich angekommen war. Allerdings spürte ich tief in mir trotzdem eine gewisse Stärke. Ich war nie wirklich cool, wurde aber trotzdem akzeptiert. Ich war immer schon an einer exponierten Stelle, nie wirklich der Hero, aber auch nie der Loser.

Was gibst du als Beruf an, wenn du im Hotel eincheckst?

Klettercomiczeichner – aber das glaubt dann immer keiner. Also schreib ich mittlerweile ganz seriös: Cartoonist bzw. Illustrator.

Gerlinde Kaltenbrunner hat heute den K2 bestiegen. Wie könnte ein Cartoon dazu aussehen?

Mensch, hat sie es also geschafft. Bravo! Beim Basecamp-Festival in Bad Reichenhall habe ich Gerlinde Kaltenbrunner kennen gelernt und ihren Vortrag gesehen. Sie ist eine beeindruckende und obendrein sehr schöne Frau. Außerdem eine echte – pardon – Kampfsau. Sie ist auf Augenhöhe mit ihren männliche Kollegen im Höhenbergsteigen. Einen Cartoon darüber zu machen, wäre schwierig, zumal das Höhenbergsteigen eine Disziplin ist, von der ich nichts verstehe. Es fehlt mir am Sensorium angemessen damit umzugehen.

Erbse stand immerhin schon einmal auf einem Sechstausender, oder?

Ja, und es war sehr, sehr, sehr anstrengend. Ach ja, das könnte der Ansatz sein: Ich würde Gerlinde im Aufstieg auf einen Achttausender darstellen. Sie vorneweg, bildhübsch, nicht sonderlich anstrengt, schaut selig in die Ferne. Unterhalb von ihr, weit abgeschlagen hängen ein paar Männer an ihrem Seil, völlig ramponiert, ausgezehrt und fertig. Gerlindes Schweißtropfen gefrieren in der Kälte zu Eiszapfen. Trotz der Kälte, Gerlinde strahlt. Diese Zeichnung müsste allerdings von Wertschätzung getragen sein. Denn wer bin ich denn? Erbse hat keine Ahnung vom Höhenbergsteigen, also brauche ich nicht darüber zu urteilen und erlaube es mir auch nicht, diese Disziplin ins Lächerliche ziehen. Beim Klettern ist das anders. Davon hab ich Ahnung. Das darf und kann ich karikieren.