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First come, first surf

Der 25 jährige Sebastian Steudtner aus Nürnberg gewinnt den Oscar des Surfsports: Den Billabong XXL Award. Sein Weg nach oben: Außergewöhnlich ungewöhnlich.

20 Meter ist sie hoch. Mit einer Geschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde rast sie begleitet von tosendem Donner auf die Küste zu. Die Wassermenge, die 25 olympische Schwimmbecken füllt, schiebt sie in einer Walze vor sich her: „Jaw“ auf hawaiianisch „Peahi“, zu deutsch „Maul“, haben Einheimische eine solche Welle getauft. Ein Naturschauspiel der Extraklasse. Sofern man geschützt am Strand steht. Doch er hat das tosende Inferno im Rücken. Die gewaltige Lawine wartet nur darauf, dass er einen Fehler macht, um ihn zu verschlingen und – bestenfalls lebend – nach ein paar Minuten im Schleudergang wieder auszuspucken. Es gibt nur einen Ausweg, dem lebensgefährlichen Wipeout zu entkommen: über die Ideallinie!

Sein Puls ist auf 160. Er ist total bei sich. Voll konzentriert. Das Surfbrett, sein athletischer Body und die Welle versuchen vorübergehend Freundschaft zu schließen. Gelingt es, die Welle zu beherrschen? Wird sie seinen Ride erlauben? Adrenalin weicht Endorphinen erst, wenn er wieder auf der sicheren Seite der Big Wave, dem „Channel“, angekommen ist und Blickkontakt zu seinem Begleitfahrer auf dem Jetski aufnehmen kann. Jetzt schnell das Seil fassen und raus! Ehe das nächste Monster anrauscht.

Der 7. Dezember 2009 war als „Big Day“ angekündigt. Meteorologen prognostizierten die lang ersehnten Big Waves an der Nordküste Mauis. Auslöser dieser gigantischen Wellen ist ein orkanartiger Sturm, der im Wasser eine Spirale bildet und so genannte Swells entsendet. Weit weg, irgendwo auf dem offenen Pazifik. Ausnahmezustand auf Maui! Innerhalb von 48 Stunden kommt die Weltelite des Surfsports eingeflogen. Auf dem Onlineportal Surfline.com haben sie gesehen, dass es Ernst wird. „Know before you go“ lautet der Slogan dieser Website. Surf-Alert! Die 50 weltbesten Big-Wave-Surfer haben sich versammelt. Helikopter kreisen, Kamerateams aus der ganzen Welt formieren sich, Rettungspersonal und Zuschauer sichern sich die guten Plätze in der ersten Reihe. Mittendrin ein junger Deutscher: Sebastian Steudtner. Wie die anderen richtet auch er sein Leben seit vielen Jahren nach ihr aus, ihr alles unter: der perfekten Welle. Ihretwegen ist er als Jugendlicher sogar nach Hawaii gezogen.

Sebastian Steudtner ist Tow Surfer. So heißen die tollkühnen Wassersportler, die es mit den ganz großen Wellen aufnehmen. Da man – im Gegensatz zum klassischen Wellenreiten – Wellen von 20 Metern Höhe und größer nicht mehr aus eigener Körperkraft anpaddeln kann, sind Begleitfahrer auf einem Jetski nötig, die den Surfer über ein Seil in die Dünung ziehen. Tow Surfing ist also genau genommen ein Teamsport, der Partner auf dem Jetski zugleich eine Art Lebensversicherung. Kommt der Tow Surfer innerhalb eines Wellensets zu Sturz, liegt es am Begleitfahrer ihn aus der Gefahrenzone zu bergen. Dafür bleiben nur circa 20 Sekunden Zeit. Dann donnert in der Regel der nächste Brecher an.

Dieser Montag, Anfang Dezember 2009 soll Steudtners persönlicher Big Day werden. Tatsächlich gelingt dem 25 jährigen Nürnberger an diesem Tag auf einer 20 Meter hohen Welle der Ritt seines Lebens. 30 Sekunden dauert das Spektakel. Ein kleines Produktionsteam, das er aus eigener Tasche finanziert, hält den Ride auf Video fest. Vier Monate später sollte er in Los Angeles über den roten Teppich schreiten und erstmalig in seinem jungen Leben fettes Preisgeld kassieren. Er wird den begehrten Billabong XXL Award in Empfang nehmen, den Oscar des Surfsports. Jetzt ist er ganz oben und doch ist Steudtner nicht wirklich angekommen.

Im Olymp der Surfwelt hat ein Deutscher einfach nichts verloren. Die vordergründig offene und lässige Szene entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als geschlossene Gesellschaft mit zum Teil rassistischen Zügen. Exoten werden nur geduldet, solange sie nicht im Rampenlicht stehen. Richtig willkommen aber sind sie nie. Steudtner hat sich daran gewöhnt, nicht wirklich dazuzugehören. Er hat die Rolle des Außenseiters angenommen. Es entsteht der Eindruck als fühle er sich sogar recht wohl damit: „Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich erarbeiten. Die Ablehnung macht mich nur stärker.“ Freilich geht ihm die Bezeichnung „The German Wunderkind“, wie ein internationales Surfmagazin über ihn titelte, runter wie Öl. Schließlich will auch er der Beste sein. Aber er entspricht nicht dem Klischee eines jungen Surfers. Keine Dreadlocks, keine Sponsoren, keine Drogen, wenig Alkohol. Steudtner ist kein Mochito trinkender Beachboy, der an jedem Finger mehrere Frauen haben kann. Er ist Single und definiert sich als Leistungssportler.

Denn was im Wasser beinahe spielerisch aussieht, ist Ausdruck körperlicher Höchstleistung. Ein wichtiger Faktor sei dabei sein Fitnesscoach Dr. Radosav Djukic. Der Grazer Sportwissenschaftler hat einen Masterplan, um Steudtners Surfskills auszureizen. 365 Tage im Jahr wird intensiv trainiert. Bis zu sechs Stunden am Tag: Laufen, Boxen, Krafttraining, Schwimmen, Gleichgewichtsübungen. Schließlich muss jede Komponente perfekt sein, ehe er sich den Riesenwellen stellen kann. Zwar übt Steudtner um den perfekten Ride zu surfen, aber auch der worst case wird trainiert: Das Fallen.

Wird man nämlich, wie es in der Surfersprache heißt, von der Welle „gewaschen“, kann dies das Leben kosten. Erst ziehen gewaltige Strudel einen in die Tiefe. Dann wird man verschluckt. Was folgt, ist ein minutenlanger Schleudergang. In alle Richtungen. Unkontrollierbar. Mit einem Wahnsinnsdruck, der einem sämtliche Knochen brechen kann. Aufkommende Panik wird zum Todesurteil. Idealer Weise soll man daher: Entspannen! Steudtner rollt sich ein, wie ein Embryo, gibt sich der Macht der Welle hin. Er lässt geschehen. Durch autogenes Training hat er gelernt, sich an einen „Happy Place“ zu träumen. Vier Minuten schafft er es bei Ruhepuls ohne Sauerstoff. Nach einem Sturz aber rast sein Herz auf 180. Dann stellt er die Atmung ein, bis sich die Luftröhre verschließt und er bewusstlos wird. Nach circa zwei Minuten kommt der Atemreflex zurück. In dieser Zeit lässt ihn hoffentlich die Welle los, kann er Kontakt zu seinem Begleitfahrer aufnehmen und sich per Seil aus dem Wasser ziehen lassen. Um sich für den Ernstfall zu rüsten, steht regelmäßig auch Apnoe Tauchen auf dem Übungsplan: 40 Meter tief taucht Steudtner ohne Sauerstoff.

Mit neun Jahren war er bei einem Familienurlaub in Frankreich erstmals auf einem Boogieboard. Und entdeckte Wasser als sein Element. Mit 13 fällt ihm ein Surfmagazin in die Hände und Steudtner weiß: „Das ist mein Ding!“ Er ist damals passionierter Windsurfer und Snowboarder. Das Wellenreiten eine fast logische Konsequenz. Sein neues Ziel: die Ocean Academy auf Maui. Nix deutsches Abi. Mit 16 schließlich lassen ihn die Eltern ziehen. Einem Kumpel erster Stunde, Nelson Armitage, hat Steudtner viel zu verdanken.

Der Spross dieser einflussreichen Hawaiianischen Familie lehrt ihn das Tow Surfen, wird sein Begleitfahrer und zugleich Arbeitgeber. In Nelson Juniors Poolbaufirma verdiente Steudtner bis vor einem Jahr seine Brötchen. Nelson Senior, der Clanchef, heuert den jungen Deutschen außerdem für den Bau seines Hauses an. Nach zweijähriger Bauphase ist dort auch ein kleines Apartment für Sebastian entstanden. In diesem wohnt er heute noch. Die Nelsons sind Steudtners zweite Familie geworden und unterstützen ihn so gut es geht. Zudem schützen sie ihn vor den Anfeindungen der „local heroes“, die Steudtners Ambitionen im Keim ersticken wollten. Dass Steudtner in der Weltelite mitsurft, gefällt ihnen nämlich ganz und gar nicht. Zu gerne hätten sie es verhindert. Vor ein paar Jahren haben sie an einem Big Day die Straße zum Strand verbarrikadiert. Mal haben sie ihn ordentlich verprügelt, als er in eine große Welle wollte. Doch Steudtner hat sich durchgeboxt und zumindest so viel Respekt verschafft, dass er auf Maui in der Hierarchie ganz oben steht. An den Big Days darf er mittlerweile als einer der Ersten ran.

Großes Kino in LA. Roter Teppich vor den Toren der Eventlocation „Grove of Anaheim Theatre“. 2000 geladene Gäste der Surfindustrie feiern am 24. April 2010 den Billabong XXL Award. Als Steudtner auf die Bühne tritt, um in der Kategorie „Biggest Wave 2010“ den Siegerscheck in der Höhe von 15.000 Euro und einen nigelnagelneuen Jetski in Empfang zu nehmen, kommt frenetischer Applaus nur aus einer Ecke, seinem eigenen Fanblock, der extra angereisten Nelson-Entourage. Das restliche Publikum klatscht verhalten. Vor allem die Cracks der Surfszene empfinden offensichtlich ein leichtes Unbehagen in dieser Situation. Der Deutsche ganz oben? Ohne ein Sponsorenlogo auf der Brust zu tragen? Cool Runnings-Effekt mit eher unerwünschtem Ausgang?

Steudtner strahlt dafür umso mehr, obwohl man ihn nicht sonderlich euphorisch angekündigt hat. Er dankt den Nelsons und richtet in seiner Muttersprache ein paar Worte an die Familie daheim in Deutschland. „Für mich bedeutet der Award primär, dass ich offiziell internationale Anerkennung für meine Leistung bekomme. Natürlich kann dies auch ein Sprungbrett für mögliche Sponsorenverträge sein. Dann könnte auch ich mich zu hundert Prozent auf meinen Sport konzentrieren.“ Steudtner weiß, dieser Preis ist ganz besonders heiß.