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Gib nie auf!

Als er im Juli 2012 im vierten Anlauf die 19,5 Kilometer lange Tsugaru Meerstraße zwischen Honshu und Hokkaido in Japan durchschwamm, war er 12 Stunden und 45 Minuten am Stück im Wasser. Mit dem Erreichen des rettenden Ufers sicherte sich Stephen Redmond (47) aus dem irischen Küstenstädtchen Ballydehop einen Rekord für die Ewigkeit. Er geht als Sieger der Ocean’s 7 Challenge, ein Pendant zu den 7 Summits bei Bergsteigern, in die Schwimmgeschichte ein. Als erster Mensch durchquerte er schwimmend sieben weltberühmte Meerengen.

Ein Interview von Johanna Stöckl

Stephen, Sie haben im Rahmen des Projektes Ocean’s Seven 7 Meerengen der Welt aus eigener Kraft durchschwommen. Wie kommt man auf so eine Idee?

Redmond Es gab keine Idee. Das Projekt ist völlig unbeabsichtigt entstanden. Eigentlich wollte ich bloß einmal den Ärmelkanal durchschwimmen. Weiter nichts. Als mir dies gelungen war, ist mir die Lust auf Wasser erst einmal vergangen. Du kannst es einfach nicht mehr sehen. Aber dann vermisst du es plötzlich, kehrst zurück und schwimmst erneut.

Keine weiteren Beweggründe?

Redmond Doch. Ich wollte der Welt zeigen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen. Trotz der Eurokrise, die uns Iren gewaltig in die Knie gezwungen hat, sind wir ein starkes Volk geblieben. Iren geben nicht auf. Mein Schwimm-Projekt ist ein Spiegel dessen. Ohne jeden Background habe ich mein Projekt gestemmt. Ich lebe in einem kleinen Nest in West Cork, direkt an der Küste, habe weder einen Trainer, noch hatte ich je Geld für mein Vorhaben. Es gibt noch nicht einmal eine ordentliche Schwimmhalle, in der ich hätte trainieren können. Und trotzdem ist mir etwas Einmaliges gelungen. Etwas, was keiner anderer vor mir geschafft hat. Zu zeigen, dass wir Iren, so verrückt das jetzt klingen mag, die ersten sein können, war mein Beweggrund. Außerdem sind im Laufe meines Lebens etliche gute Freunde viel zu früh gestorben. All diesen Menschen habe ich mein Projekt gewidmet. Während des Schwimmens war ich ihnen in Gedanken nahe, habe das eine oder andere Mal sogar mit ihnen gesprochen. Das hat mir geholfen die Qualen durchzuhalten.

Marathon Schwimmer – wie wird man das? Welche Voraussetzungen muss man für so ein kühnes Projekt mitbringen?

Redmond Eine große Portion Dummheit, Ausdauer, Beharrlichkeit und familiäre Unterstützung. Ich konnte meinen Körper so weit bringen, dass er Schmerzen und Kälte als etwas völlig Normales akzeptiert. Unterm Strich lässt es sich wohl auf mentale Stärke reduzieren.

Trägt man einen schützenden Neoprenanzug bzw. welches Equpiment braucht man als Marathonschwimmer?

Redmond Ein Neoprenanzug? Niemals. Ich schwimme in einer Badehose, trage eine Badekappe, Ohrstöpsel und ein Schwimmbrille. Am Handgelenk trage ich eine Garmin 910 XT, also eine GPS Armbanduhr, um Zeit und Distanzen zu messen. Beim Training im Hallenbad trage ich eine Swimovate Pro Armbanduhr, um meinen Puls und Durchlaufzeiten zu messen. Ich benutzte Aqua Sphere Schutzbrillen in verschiedenen Farben für unterschiedliche Lichtverhältnisse wann immer ich im Wasser bin. Unter den Achseln und an anderen Körperstellen, die wundscheuern könnten, fette ich mich mit Lanolin, einem Wollwachs, ein. That’s it.

Unvorstellbare 22 Stunden und 29 Minuten waren Sie im 70 Kilometer langen Molokai-Channel schwimmend unterwegs. Legt man Essens-, Trink- oder Erholungspausen ein?

Redmond Das Begleitboot darf man nicht berühren. Tust du es, gilt dein Rennen als beendet. Eine Art Schiedsrichter im Begleitboot kontrolliert, ob auch alle Spielregeln korrekt eingehalten werden. Die erste Verpflegung nehme ich nach exakt einer Stunde in Form von Flüssignahrung zu mir. Alle 40 Minuten kommt Nachschub. Es sind dies hochkalorische, erwärmte Powerdrinks, je 450 Milliliter. Sie werden mir in Beuteln vom Boot aus zugeworfen, welche ich dann in etwa 10 Sekunden trinke. Gelegentlich esse ich auch ein Stück Schokolade. Vor einem Rennen versuche ich ordentlich an Gewicht zuzulegen, um über genügend Fettreserven zu verfügen.

Wie schützt man sich gegen Auskühlung?

Redmond Ich habe meinen Körper, auch meinen Geist, dahingehend trainiert, Kälte nicht nur akzeptieren, sondern als eine Art Freund wahrzunehmen. Je kälter es wird, umso glücklicher bin ich. Über Suggestion klappt das ganz gut. Außerdem trage ich 25 Prozent Körperfett mit mir herum. Das schützt natürlich auch gegen die Kälte.

Sind Sie schon einmal von Haien oder anderen gefährlicher Tieren attackiert worden?

Redmond Zum Glück nicht. Ich hatte zwar im Molokai Kanal mit Weißspitzen Riffhaien Kontakt, aber sie haben mich nicht angegriffen, lediglich mein verrücktes Tun beobachtet. In Neuseeland begleitete mich ein weißer Hai ein Stück meines Weges. Das war schon beängstigend. Was tun? Aus Angst nach 10 Stunden aufgeben? Das kam für mich nicht in Frage. Ich habe die Angst hingenommen, akzeptiert und dadurch überwunden. Dann konnte ich sie ausblenden. Quallen waren bei jedem meiner Schwimmeinsätze die unangenehmsten Begleiter. Kleine, stille, aber überaus grimmige Gefährten, diese Viecher.

Gruselig die Vorstellung nachts im offenen Meer zu schwimmen.

Redmond Nachts zu schwimmen ist magisch. So friedlich! Da bist nur du und dein Boot. Natürlich ist es erst einmal unheimlich, nicht zu sehen, was unter dir ist. An diesem Punkt, in dem die Angst aufsteigt, schließe ich dann wieder einen Pakt mit mir selbst und rede mir ein, alles unter mir sei mein Freund. Und so betrüge ich mich mantraartig bis in die Morgenstunden. Dann, bei Tageslicht, siehst du unter dir, etwa in Hawaii, unzählige Buckelwale schwimmen. So etwas sehen und erleben zu dürfen, gibt dir unheimlich viel Kraft und neue Hoffnung. Außerdem halten sie dir ja auch die Haie fern. Diese riesigen Kreaturen im Wasser zu beobachten, zu spüren, wie sie dich begleiten, gehört zu den eindrücklichsten und intensivsten Momenten meines Lebens. Oder, wenn mächtige Thunfische dich mit hoher Geschwindigkeit unter Wasser überholen. Das sind Erlebnisse, die einen beflügeln. Bei langen Nachtdistanzen war am Boot ein Schwimmband befestigt, an dem ich mich ein wenig orientieren konnte.

Wie oft trainieren Sie im Wasser?

Redmond So oft es eben geht. Im Idealfall täglich. Wobei man auch aufpassen muss, dass das Schwimmen nicht dein ganzes Leben bestimmt. Eine Woche pro Monat, ich nenne sie die harte Woche, schwimme ich insgesamt 145 Kilometer. In den restlichen drei Wochen komme ich je auf ein Wochenpensum von 65 Kilometern. Kürzlich bin ich zu Hause in Irland ab Baltimore zum Fastnet Leuchtturm geschwommen, habe ihn umrundet und dann weiter nach Schull. 40 Kilometer in 12 Stunden und 30 Minuten, nicht schlecht, oder?

Wo trainieren Sie?

Redmond Ich darf mittlerweile bei mir zu Hause im Schwimmbad des Westlodge Hotel trainieren. In einem 16-Meter-Pool. Kann man sich ja vorstellen, wie anstrengend das viele Wenden ist. Ansonsten schwimme ich das ganze Jahr über in Loch Hyne, einem Salzwassersee in Skibbereen , der durch einen schmalen Gezeitenkanal mit dem Meer verbunden ist. Dort spule ich vor und nach der Arbeit meine Runden ab.

Wie viele Versuche haben Sie für Ihren Rekord gebraucht?

Redmond Bis auf zwei Meerengen habe ich alle im ersten Anlauf geschafft. Der Molokai Kanal klappte erst auf den zweiten Anlauf, weil ich beim ersten Versuch in der starken Dünung den Kontakt zum Begleitboot verloren hatte, der Steuermann auch noch seekrank wurde und die Haie nicht von meiner Seite wichen. Nach 29 Kilometern mussten wir abbrechen. Japan hat erst im vierten Anlauf geklappt, die Bedingungen dort waren nicht gut, das Wetter immer sehr schlecht. Aber im Juli 2012 habe ich es dann gut erwischt.

Kann man nach 20 Stunden Schwimmen überhaupt noch aufrecht laufen, also aus eigener Kraft aus dem Wasser steigen?

Redmond Ob du kannst oder nicht, du musst! Wenn dir dabei jemand hilft, gilt das Rennen nicht. So sind die Regeln.

Was waren die größten Schwierigkeiten bei den Ocean’s 7?

Redmond Einige Gefahren wie Seegang, Dünung, Wetter, Strömung, Kälte etc. habe ich ja bereits genannt. Die größte Schwierigkeit bestand wohl darin zu akzeptieren, wie klein, unbedeutend und nichtig man ist. Diese Erkenntnis führt dazu, dass du total loslassen kannst. Schaffst du das, kannst du weiter gehen als du in den kühnsten Träumen angenommen hast. Das beflügelt.

Ein Flowzustand?

Redmond Ja so in der Art.

Wie schaffst man es weiterzuschwimmen, obwohl der Körper längst aufgeben möchte?

Redmond Die Angst vor dem Versagen hält mich über Wasser. Die Angst davor meine Familie, meine Heimat, meine Gemeinschaft im Stich zu lassen, sie zu enttäuschen, ist meine Triebfeder. Ich arbeite mit Mantras, sage mir also während des Schwimmens wieder und wieder die gleichen Sätze vor. Manchmal spreche ich auch einfach nur die Namen meiner beiden Kinder, Siadbh und Steve, vor mich hin. Wieder und wieder. Bevor ich nach Hawaii aufgebrochen bin, rief mir mein neunjähriger Sohn zum Abschied hinterher: „Never give up!“ Dieser Satz bringt mich noch heute zum Weinen. Er hat mir unheimlich geholfen.

Schon einmal darüber nachgedacht aus der Horizontalen in die Vertikale zu gehen und die 7 Summits zu besteigen?

Redmond Ausgeschlossen. Ich hasse Bergsteigen. Außerdem habe ich vom Rugbyspielen ein ziemlich lädiertes Knie. Zudem ziehe ich Mücken an. Da sind mir Quallen schon lieber.

Von den 7 Meerengen, die Sie geschwommen sind, war welche die härteste? Welche die „angenehmste“?

Redmond Gibraltar war schön. In fünf Stunden durch gewaltige Flutwellen vom europäischen zum afrikanischen Kontinent zu schwimmen ist einfach toll. Molokai war definitiv mein härtestes Rennen. Diese 70 Kilometer waren die längste Distanz, die ich je geschwommen bin. Sechs Tage nachdem ich die Cook Straße geschwommen war, musste ich Molokai schwimmen. Ich war nicht richtig ausgeruht.

Wieso mussten Sie das?

Redmond Weil es auf meinem Nachhauseweg lag. Ich hatte kein Geld mehr, um zu einem späteren Zeitpunkt erneut nach Hawaii zu fliegen.

In welchem Stil schwimmen Sie? Kraulen, Brust-, Rückenschwimmen oder variieren Sie?

Redmond Ich versuche ruhig und gleichmäßig zu schwimmen, kraule mit 54-62 Schlägen pro Minute, atme nach jedem Schlag.

In Ihrer Heimat Irland sind Sie ein Star. Haben auch ausländische Medien über Ihrem Rekord berichtet?

Redmond Ich bin nur ein Schwimmer, kein Star. Im Ausland hat man keine große Notiz von mir genommen. Red Bull Media wird wohl über mich berichten. Bei der Organisation waren Red Bull und die Firma Aqua Sphere zwar eine große Hilfe, aber große Sponsoren sind das nicht. Ich bin aber auf der Suche nach Partnern aus der Wirtschaft. Wer weiß, vielleicht findet sich ja ein Unternehmen in Deutschland oder Österreich, das sich mit mir und meinen Ideen identifizieren kann. Man kann mich jederzeit anrufen!

Heißt, Sie werden weiterhin Langstrecken schwimmen?

Redmond Ich werde definitiv weitermachen. Nächstes Jahr werde ich für einen karitativen Zweck Irlands längsten Fluss, den Shannon, durchschwimmen. Außerdem möchte ich den Nordkanal hin und retour schwimmen, was ich diesen Sommer bereits versucht hatte, es aber wegen Schlechtwetter abbrechen musste. Ich möchte in naher Zukunft von Irland nach England schwimmen. Also Visionen gibt es genug.

Wie und wo macht Stephen Redmond Urlaub? Kommt ein Badeurlaub für Sie noch in Frage?

Redmond Ich faulenze durchaus gerne. Aber nach zwei, drei Tagen der Ruhe gibt es für mich nichts Schöneres als Radfahren oder Schwimmen in der Sonne. Natürlich gemeinsam mit meinen Kindern.

Die 7 Meerengen

Ärmelkanal zwischen England und Frankreich:
34 km, 20 Stunden, 1 Minute, August 2009

Nordkanal, Irische See zwischen Nordirland und Schottland
33,7 Kilometer, 17 Stunden, 17 Minuten, August 2010

Straße von Gibraltar zwischen Spanien und Marokko
14, 4 Kilometer, 5 Stunden, Mai 2011

Catalina Kanal vor der Küste Kaliforniens
33,7, Kilometer, 12 Stunden, 39 Minuten, Oktober 2011

Cook Straße, die Neuseelands Nordinsel von der Südinsel trennt
26 Kilometer, 12 Stunden, 30 Minuten, Februar 2012

Molokai Kanal, zwischen den beiden Hawaii-Inseln Oahu und Molokai
70 Kilometer, 22 Stunden, 29 Minuten, Februar 2012

Tsugaru Straße zwischen Honshu und Hokkaido / Japan
19,5 Kilometer, 12 Stunden 45 Minuten, Juli 2012