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Manschurian Beat

Unsere Reise nach China beginnt streng genommen im Zug. Vor gut einem Jahr auf der Strecke Hamburg – München. Zwei Bilder im Monatsheftl der Deutschen Bahn springen mich an. Es sind Fotos vom Ice-Festival in Harbin. Geil, die bauen dort eine ganze Stadt aus Eis! Die Chinesen, der Wahnsinn, zelebrieren die Kälte. Wieso ich beim Anblick der Bilder sofort an Ines Papert denke? Assoziation eben. Harbin? Wo ist das überhaupt?

Klärung via Google: Da schau her, Harbin ist eine 9-Millionenstadt in der Mandschurei, hoch im Norden Chinas. Diese eine Stadt hat mehr Einwohner als ganz Österreich! Erneut sehe ich Bilder vom Ice-Festival. Sofort Ines anrufen! Sie, auf Skitour, versteht nur Bahnhof. Abends als ich ihr einen Fotolink schicke, ruft sie neugierig zurück. Was soll ich da? Klettern, Ines, was sonst!

Etwas später beim Franzl im Büro. Was wissen wir von China? Zu wenig, relative Leere. Kennt einer einen Chinesen? Nein. Wer kann Chinesisch? Keiner. Fazit: grottenschlechte Voraussetzungen um dem Veranstalter des Ice-Festivals – wer ist das überhaupt? – unser Vorhaben zu präsentieren. Und diese lästigen Klischees. Fotos machen, filmen gar? O-oh, in China sehr, sehr schwierig, ... quasi alles überwacht. Es gibt zwar eine Website zum Ice-Festival, aber wir Narren finden noch nicht einmal die Englisch-Taste. Ernüchternd: Projekt megaschwierig, aber schön wär’s schon.

Hilfe kommt absurder Weise aus Magdeburg, einer Partnerstadt Harbins. Wir schreiben an den Bürgermeister und erhalten eine Antwort von der reizenden Frau Dr. Gundula Henkel aus dem internationalen Büro für Wirtschaftsförderung – danke, danke an dieser Stelle! Sie findet unsere Idee kurios, zieht erste Fäden und öffnet eine Tür. Rein kommunikativ sind wir recht flott in Harbin angekommen. Emails gehen hin und her. In holprigem Englisch zwar, aber die Verbindung steht. Es gab laut „Michael“, Gao Yueming, Chief of foreign Affairs noch nie eine derartige Anfrage in Harbin, daher kann es schwierig werden. Wir jubeln. Jetzt erst recht! Allerdings: Dieser Weg wird kein leichter sein ☺

Ein Jahr später stehen wir am 3. Jänner nach einer 21-stündigen Anreise abends am Harbin Airport. Ines herself, Bergführer Andes, Franz, der Tischi von dreXtrem und ich. In Peking konnten wir noch etliche Schilder lesen, ziemlich international, viel Englisch. Und hier? Aus. Ende, Gelände. Wir peilen nix und keiner, außer Andes, versteht uns. Absolutes Vakuum. Herrlich, wenn man sich erst einmal an diesen Standby-Modus gewöhnt hat. Du nimmst nur noch mit den Augen wahr. Allerdings: das Wesentliche. Werbung kann dich nicht erreichen. Du checkst nicht einmal mehr, ob du vor einem Supermarkt, einer Bank oder einem Sexshop stehst. Reingehen schafft Klarheit. China macht neugierig. Zwangsläufig. Und diese Neugierde in mir empfinde ich als Geschenk.

Zurück zum Airport: Alle müde. Gepäck da. Fein. In der Empfangshalle plötzlich ein Schild „Ines Papert“. Wir werden abgeholt? Unfassbar! Von wem? Chen, ein Sprachenstudent aus Harbin wurde eigens von der Uni freigestellt um uns während unseres Aufenthaltes beizustehen. Jawoi, wir haben einen Guide! Chen ist ein moderner, humorvoller, ziemlich stylischer Student und mindestens so nervös wie ich. Er hat noch nie zuvor leibhaftig einen Europäer gesehen und freut sich wie ein Schnitzel, dass er gleich eine mehrfache Weltmeisterin im Eisklettern kennen lernen darf. Chen spricht super Englisch und glaubt, dass Ines Nachname irgendetwas mit Papier zu tun hat. Und so spricht er ihn auch aus: Ines Paper-t. Er wächst uns ans Herz.

Die offenen Gespräche mit ihm, der finale Abend zu Hause bei seinen Eltern mit viel Schnaps und wahnsinnig gutem Essen – das alles wird diese Reise sehr, sehr wertvoll machen. Und die Begegnung mit Andes erst! Unser chinesischer Bergführer ist, als wir ihn in Peking am Flughafen treffen, noch etwas scheu, taut aber im Frost Harbins richtig auf. Hoffentlich besucht er uns bald in Deutschland! Geplant isses.

Andes, we wait for you! Im Rückblick ist er, neben Ines freilich, die wichtigste Person im Team. Er ist nicht nur ihr Sicherungspartner, sondern hat auch die finale Kommunikation zwischen Deutschland und China übernommen, ist eigens dafür vor uns nach Harbin gereist um letzte Details mit dem Veranstalter zu klären. Ines und Andes sind ein gutes Team, verstehen sich auf Anhieb. Er bewundert sie. Tough Lady, Ines very, very strong! Als sie ihn irgendwann fragt, ob er nicht Lust hätte, mit ihr einmal eine Erstbegehung in China zu realisieren, ist er begeistert. Abgemacht. Große Ehre, große Freude. Beiderseits.

8 Uhr morgens. Minus 25 Grad. Keine Menschenseele in der Eiswelt. Laut knirscht der Schnee unter ihren Füßen während sie sich aufwärmt. Schließlich legt sie Hand ans Eis. Es ist hart wie Beton. Ein helles Klock. Das erste Eisgerät sitzt. Es folgt das zweite. Wenn sie ihre Steigeisen ins Eis setzt und kleine Risse an der Oberflächliche entstehen, zischt es. Beim Eindrehen der Eisschrauben hört man ein lautes Surren. Ich kann das Eis hören. Mandschurian Beat fürs Ohr. Und für die Augen? Wie ästhetisch! Schön ist es Ines beim Klettern an den spektakulären Türmen, Kathedralen und Bögen zuzuschauen. Schräg! Was für ein abgefahrenes Ambiente! Abends in der busy Central Street, der Shopping-und Amüsiermeile Harbins, beobachte ich regelmäßig auf einem kleinen Platz ältere Herrschaften beim Tai Chi. Wenn Ines klettert, erinnert mich das daran. Weich, schön, rhythmisch, im Flow. Ihre Kletterei ist das Sahnehäubchen auf einem Gesamtkunstwerk. Sportlich ist das freilich keine besonders große Herausforderung für Ines. Hier geht es weniger um Leistung, sondern vielmehr um den Spaß am Ganzen und an der abartigen Kälte, die das alles möglich macht. Die Bilder? Wunderschön.

Im Bett liegend ratschen Ines und ich immer bis in die Puppen. Wir finden Harbin spannend. Nicht nur die Eisstadt, auch die Winterschwimmer, Eisskulpturenkünstler, Schneebildhauer ziehen uns in ihren Bann. Eine Ehre, so Ines, Teil des Spektakels sein zu dürfen. Die chinesische Herzlichkeit haut uns schlichtweg um. Außerdem philosophieren wir stundenlang über das Thema Vergänglichkeit. Es verbindet Ines mit den Arbeitern und Eiskünstlern hier vor Ort.

Saukalt ist es in Harbin. Freunde aus München schreiben lustige Emails nach deren Besuch auf wetter.com: „Sauber. Tageshöchsttemperaturen von minus 20 Grad. Vui Spaß no!“ An zwei Tagen fällt das Thermometer sogar auf minus 30 Grad. Gewaltig zapfig, aber man gewöhnt sich dran. Vor allem, wenn man draußen bleibt. Krass nur der Wechsel zwischen warmem Indoor und Openair. Anekdote gefällig? Ich dusche, öffne danach das Fenster, um auf die Central Street zu schauen. Kurz nur, aber die Haare sind blitzschnell steif gefroren. Fenster zu. Auf dem Weg zum Föhn sind die Haare trocken. Gefriergetrocknet! Genial, spart Zeit und wird unser tägliches Harbin Ritual: Haarewaschen, Fenster auf, Kopf raus, wieder rein, fertig.

Friedlich und magisch in den Morgenstunden. Abends, wenn die Lichter angehen in der Eiswelt, das totale Kontrastprogramm: unzählige Touristen, sehr viel Trubel, Glitzer, alles bunt, pleasure limit, fast schon kitschig. Die Nightsessions von Ines sind der Hammer. Kaum klettert sie, bildet sich ein Meer aus Zuschauern. Ines ist der absolute Hingucker, der Star der Ice-World. Hunderte staunende Chinesen recken also ihren Kopf nach oben. Heißt auch: Doppelt so viele Handys in die Luft gehalten, denn der gemeine Stadt-Chinese hat stets zwei Mobiltelefone dabei. Wie will man sonst telefonieren, Fotos machen, Videoclips drehen und zugleich alles auf QQ, dem Pendant zu facebook, bloggen oder posten?

Jetzt stell dir vor, du bist kurzfristig neben 250 internationalen Gästen vom Bürgermeister Harbins zu einem Bankett rund um die Eröffnungsfeier der Ice- and Snowworld 2012 eingeladen und hast – wegen Übergepäck und so – nur warme Sportklamotten mit? Die Männer im Team findens witzig. Ines und ich verzweifeln. Hilft ja nix. Also in feinstem Gore-Zwirn antanzen und souverän lächeln. Geht doch! Citychef Zhang Xiaolian jedenfalls lächelt brav zurück und bedankt sich hochoffiziell bei Ines und sogar uns, der Paper-t Entourage, für unser Projekt. Amazing pics will go throughout the world. People love your climbing. Thank you so much, Ines!

Ich finde dem Bürgermeister sollte man das letzte Wort überlassen. Schließlich hat er uns nach Harbin eingeladen. Thank you Harbin for his great Experience! Ein dickes Thank You auch an Ines Sponsoren, allen voran GORE-TEX® und Arc’teryx, die das Projekt unterstützt und uns für die Eiswelt und das Dinner mim Chief so wunderbar ausgestattet haben.

Harbin Facts:

Nördlicher als Wladiwostok gelegen, fällt in der chinesischen Millionenstadt das Thermometer in den Wintermonaten konstant auf unter minus 25 Grad. Anstelle sich von der Kälte lahm legen zu lassen, zelebriert man in der Hauptstadt der Provinz Heilongjiang (dt.: Mandschurei) die tiefen Temperaturen. Seit 1985 findet in Harbin jährlich das internationale Eis- und Schneefestival statt. Auf einem Areal so groß wie 16 Fußballfelder lassen mehr als 12.000 Arbeiter innerhalb von drei Wochen eine Wunderwelt aus Eis entstehen. Die gigantischen Türme, beeindruckenden Paläste, Brücken, Eisrutschen und spektakulären Kathedralen werden aus einzelnen Eisblöcken bzw. ziegeln gebaut. Gewonnen werden diese aus dem zugefrorenen Songhua Fluss, der die Stadt in ein Nord- und Südufer teilt. Auch Sun-Island, Harbins Sommer-Erholungspark, transformiert in den Wintermonaten und verwandelt sich anlässlich des Festivals in die so genannte Snow-World, in der internationale Schneekünstler gigantische Skulpturen aus Schnee kreieren.