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Nostalgie ohne Ende & Berge satt

Es ist immer das Gleiche. Wenn Dirk eine Tour aussucht, wählt er grundsätzlich – schließlich hat man dann mehr davon – die längste Variante. Warum also in zwei Stunden auf eine Hütte aufsteigen, wenn man sich dabei auch doppelt so lange „vergnügen“ kann?

Ein perfektes Wochenende auf der Edelrauthütte, Südtirol

Freitag

Beim Anblick des gelben Schildes „Edelrauthütte 4 Stunden“ ärgere ich mich grün und blau. Wir sind derart spät dran, dass es deutlich schlauer gewesen wäre, vom Ahrntal aus über den Neves Stausee aufzusteigen. Dann hätten wir die Edelrauthütte, die seit über 100 Jahren in den südlichen Zillertaler Alpen auf 2.545 Metern thront, in knapp zwei Stunden erreichen können. Es ist nämlich 18 Uhr als wir in Pfunders am Parkplatz unseren Wagen abstellen. Bei der telefonischen Reservierung eines Schlafplatzes hat man uns gesagt, dass es bis 20 Uhr warmes Essen gibt. Heißt: Du hast keine Chance, also nutze sie!

Es dauert keine 30 Minuten und Dirk ist außer Sichtweite. Ich verdamme ihn. Jedoch: Vielleicht schafft er es ja bis 20 Uhr und sichert mir eine warme Mahlzeit. Nach einer Stunde im Alleingang beruhige ich mich. Die Dämmerung setzt ein als ich auf einem Zickzack-Weg durch ein Hochmoor laufe. Falsche Hoffnung wecken ein paar Hütten, die ich passiere. Aber die Stimmung hier oben, mutterseelenallein, ist einfach göttlich. Ich halte an, um sie zu genießen. Blick auf die Uhr! Ausgeträumt. Weiterhecheln! Am Eisbruggsee angekommen, ein kleines Licht am Horizont.

Stirnlampe raus, ganz schön finster ist es geworden, noch einmal fluchen und weiter geht’s! Die letzte halbe Stunde hat mit Genuss oder Wandern nicht viel zu tun. Ich laufe, keuche, jogge, stöhne. 20.30 Uhr: Anschlag auf der Hütte. Als ich eintrete, offenbart sich mir ein Bild alpinen Urbehagens. Kleine Stube, gedämpftes Licht, angenehm gefüllt, altes Holz, sehr gemütlich, zufriedene Gesichter über üppig gefüllten Tellern. Ganz hinten links in der Ecke: Dirk – er präsentiert mir (m)eine kleine gusseiserne Pfanne mit Rigatoni, Tomatensoße und Parmesan wie eine Trophäe, er strahlt dabei als hielte er den Championsleague Henkeltopf in seinen Händen. Später versichert mir Seniorchef Toni, dass bei ihm heroben nie einer hungrig schlafen gehen musste. Und von Maria in der Küche ich bekomme deutlich nach 21 Uhr sogar noch frisch gebackene Knieküchlein, also Hefeteigkrapfen, zum Dessert. Maria, Toni, Michael, ich danke euch!

Samstag

7 Uhr Frühstück. Traumhaftes Wetter. Ich bin ausgeruht und motiviert. Wir wollen auf den Hohen Weißzint steigen, einen prächtigen Dreitausender, dessen 3371 Meter hohen Gipfel man von der Hütte aus nicht erblicken kann. Gut 800 Höhenmeter und drei bis vier Stunden Aufstieg liegen laut Beschreibung vor uns. Da die meisten Gäste „nur“ auf die Napfspitze, den Hausberg vor der Edelrauthütte steigen, sind wir nach einer halben Stunde alleine unterwegs. In Spitzkehren geht es hinter der Hütte los, ziemlich steil nach oben, ehe wir das Weißzintkar erreichen. Über Moränenköpfe geht es dann auf den Weißzintgletscher und schließlich über den Südgrat auf den Gipfel, dessen Kreuz man erst auf dem Grat in weiter Ferne erkennen kann.

Die Tour ist traumhaft, das Panorama stets überwältigend: Hochfeiler, Großer Möseler, Napfspitze, Hohe Warte, Neves-Stausee, Eisbruggsee, Chemnitzer Hütte – alles ist zum Greifen nahe! Was ich jedoch zugeben muss: Ich bin alles andere als ein Fan von ausgesetzten Graten und komme bei dieser Tour an einer Stelle an meine Grenze. Es handelt sich zwar nur um ein paar Meter, der Grat ist an sich auch breit genug, aber rechts und links geht es derart steil nach unten, dass ich immerzu ans Fallen denke. Mit beiden Händen festhalten, ein Schritt nach dem anderen machen und dabei das Atmen nicht vergessen! Das Problem ist weniger der Grat an sich.

Die an manchen Stellen leicht vereisten Blöcke machen mir zu schaffen. Ich bewege mich daher im Schneckentempo, bin sehr behutsam unterwegs und stehe nach guten drei Stunden auf dem Gipfel, den wir uns lediglich mit Karin und Luis aus Klausen teilen. Die beiden schickt der Himmel, weil Luis mir den Abstieg über den Gletscher schmackhaft macht. Mir ist alles recht, Hauptsache ich muss diese eine knifflige Stelle nicht wiederholen. Steigeisen haben wir dabei, also geht’s mit den beiden Bergfexen Karin und Luis, welche uns auf Anhieb sympathisch sind, über den Gletscher wieder runter. In der Edelrauthütte, die am Samstag Nachmittag drinnen wie draußen rappelvoll ist, spendiere ich ein Bier und bedanke mich für die tolle Unterstützung. PS.: Sechs Wochen später laufen wir uns beim International Mountain Summit in Brixen zufällig wieder in die Arme. Die Berge, sie verbinden einfach Menschen!

Nach 17 Uhr kehrt auf der Edelrauthütte schlagartig Ruhe ein. Die Tageswanderer sind längst im Tal. Auch Karin und Luis sind abgestiegen. Zur Feier des Tages gönnen wir uns ein Achterl Rotwein draußen in der milden Abendsonne. Bei köstlichen hausgemachten Speckknödeln unterhalten wir uns lange mit Toni, dem Seniorchef und seinem Sohn, dem Michael, der mittlerweile nachdem sein Vater 37 Jahre lang die Hütte führte, Pächter ist. Selten habe ich mich in den Bergen so wohl gefühlt wie hier! Luxus, wie etwa Duschen, gibt es nicht. Aber wer braucht das schon, wenn es bestes Essen und herzliche Wirtsleute gibt. Außerdem reicht der Waschraum völlig aus und ein Brunnen steht ja auch noch vor der Hütte.

Sonntag

Es ist immer das Gleiche. Wenn ich mit Dirk unterwegs bin, kann man, einen satten Dreitausender in den Beinen, am letzten Tag doch nicht einfach absteigen, wenn es einen Hausberg gibt. Klar, dass wir am Sonntag noch die 2888 Meter hohe Napfspitze „mitnehmen“. Nach einer guten Stunde stehen wir am Gipfel und schauen überglücklich auf den Hohen Weißzint rüber.

Wir schwören uns hier her wieder zu kommen. Möglichst bald, um die nostalgische Atmosphäre noch einmal zu genießen, denn die Auflagen erfordern es, die Edelrauthütte in naher Zukunft zu sanieren. Ob’s dann noch so romantisch sein wird?

Tourentipp 1

Hoher Weißzint (3371 m), mittel, Ausdauer und Trittsicherheit erforderlich

Gehzeit Aufstieg: ab Edelrauthütte (2545 Meter) 3 bis 4 Stunden; 826 Hm; Abstieg: 3 Stunden, 826 Hm.
Route Ab der Edelrauthütte zum Weißzintkar, über Moränenköpfe auf den Weißzintgletscher und von dort über den Südgrat in Blockkletterei, stellenweise recht ausgesetzt, zum Gipfel.

Tourentipp 2

Napfspitze (2888 m), leicht, Trittsicherheit erforderlich

Gehzeit Aufstieg: 1,5 Stunde, 343 Hm. Abstieg: 1 Stunde, 343 Hm.
Route Neben der Hütte dem gut markierten Zickzack-Weg auf den Gipfel folgen. An manchen Stellen ist der Pfad zusätzlich seilversichert. Am Schluss geht es auf dem Bergrücken entlang zum Gipfel. Tipp: Sonnenauf- untergang hier traumhaft.

Info

Edelrauthütte
http://www.edelrauthuette.it/

Telefon Hütte: +39 0474 653 230
Telefon Tal: +39 0472 802678

info@edelrauthuette.it
Anton und Michael Weissteiner
Öffnungszeiten: Ende Juni bis Anfang Oktober

Auf der deutsch-italienischen Website sind alle möglichen Hüttenzustiege als pdf hinterlegt. Ebenso die Tourenbeschreibungen für den Hohen Weißzint, Hochfeiler, Großen Mößeler, die Hohe Warte und Napfspitze.

Anreise ab München: 260 km, A8 Autobahn Salzburg, Inntaldreieck, Brennerautobahn, bei Brixen ins Pustertal. In Vintl nach Pfunders abbiegen.

Bergführer: Bergschule Hans Kammerlander
http://www.kammerlander.com/