Olympia muss sich für jeden lohnen!

Als Siebenjähriger besuchte er erstmals Olympische Spiele. 1972 in München war er als Jugendlicher ebenfalls live dabei. Im „München 72“ sprach Dr. Bene Benedikt (54), Chefredakteur des Bergsportmagazins ALPIN, über sudanesische Ringer, Ökobilanzen und einen 200 Jahre alten Heustadl in Garmisch.

Herr Benedikt, wie sehen Ihre Erinnerungen an die Olympischen Spiele 1972 in München aus?

Schon als 16-jähriger Schüler wollte ich Journalist werden. Vor diesem Hintergrund war Olympia für mich ein einziges Abenteuer. Während der Spiele 72 wohnte ich bei meiner Tante in Forstenried und fuhr täglich mit dem Bus, der Straßenbahn und dann mit der aufregend neuen U-Bahn zum Oberwiesenfeld. Von der Architektur im Olympiapark, vor allem der Zeltdachkonstruktion, war ich hingerissen. Was mich auch bewegte, war die Fülle bunter und fremder Menschen, die sich fröhlich und friedlich versammelt hatten. In der Rückschau war das ein ähnlicher Eindruck wie 2006 bei der Fußball WM.

Die Wettkämpfe selbst faszinierten Sie nicht?

Das Flair hat mich tatsächlich mehr interessiert als die sportlichen Duelle. Ich näherte mich den Spielen nicht als Sportfan, sondern eher als angehender Journalist und stromerte mit Kamera und Stativ übers Gelände. Als ich auf diesen Streifzügen erstmals in meinem Leben eine „Steel-Band“ hörte, nahm ich den Klang der karibischen Blechtonnen auf Tonband auf. Im Grunde produzierte ich damals schon kleine Reportagen. Der absolute Höhepunkt aber war mein Besuch im Olympischen Dorf. Völlig verrückt, aber es gelang mir als Allgäuer Schüler, mich im Allerheiligsten umzusehen. Der Masseur der sudanesischen Ringermannschaft, mit dem ich zuvor ins Gespräch kam, verschaffte mir einen Passierschein. Diesen Schein hab’ ich mitgebracht, der klebt hier in meinem Olympia-Album.

Waren das Ihre ersten Spiele, die Sie live verfolgten?

Vage kann ich mich auch an die Olympischen Winterspiele 1964 erinnern. Meinen Eltern fuhren mit mir, damals 7 Jahre alt, nach Innsbruck zum Slalom der Männer. Eingeprägt haben sich bei mir: Unmengen von Schnee und begeisterte Zuschauer. Im Anschluss an dieses Spektakel sind wir ein Stück die Brennerstraße hochgefahren und haben uns die Europabrücke, den bahnbrechenden Wegweiser gen Süden, angeschaut. Ein Wunder der Technik damals.

Rein hypothetisch: in welcher Disziplin wären Sie gerne Olympiasieger?

(Lacht) Im Gras-Skifahren! In den Siebzigerjahren war das mein Sport! Diese Disziplin hat sich zwar nie durchgesetzt, war auch nie olympisch, aber beim Gras-Skifahren war ich ambitioniert und brachte es zu bescheidenen Erfolgen.

Können Sie sich in Ihrer Funktion als Chefredakteur des Bergsportmagazins ALPIN vorstellen, dass alpine Disziplinen wie Skibergsteigen, Klettern oder Eisklettern olympisch werden?

Ich würde es begrüßen. Ganz einfach, weil unheimlich viele Menschen diese Sportarten im Alltag ausüben. Es gibt ja einige Olympische Disziplinen, die zwar aus einer antiken Tradition heraus ihre Berechtigung haben mögen, die aber kein normaler Mensch betreibt. Oder haben Sie einen Diskuswerfer in Ihrem Bekanntenkreis? Wobei ich auch keinen kenne, der im Alltag auf Skiern durch den Wald läuft und auf etwas schießt. Gewachsene Sportarten wie Klettern oder Skibergsteigen könnte ich mir gut bei Olympia vorstellen. Das wären hochattraktive, spannende Zuschauerbewerbe. Die Kletterwettkämpfe im italienischen Arco beweisen das.

Als Sportfan aber auch Naturliebhaber schlagen womöglich zwei Herzen in Ihrer Brust. Welche Position nehmen Sie in der Olympiabewerbung 2018 ein?

Grundsätzlich befürworte ich die Bewerbung und finde es eine große Herausforderung zeitgemäße und sanfte Spiele auszurichten. Olympia hat ja längst seine Unschuld verloren: politische Boykotte, Terrorismus, Amateurstatus – Profis, Doping, Kommerz. Wenn der Grundgedanke, dass sich die Jugend der Welt im fairen Wettkampf misst, im Vordergrund steht, finde ich Olympische Spiele großartig. Auch werden die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz immer wichtiger. Daher kann ich die Bedenken mancher Menschen auf jeden Fall nachvollziehen.

Lassen sich „ökologisch“ und „zeitgemäß“ bei Sportevents überhaupt noch in Einklang bringen?

Der Trend, z.B. den Wintersport in die Stadt zu bringen, gefällt mir: Biathlon auf Schalke, Langlauf in Düsseldorf oder der Parallelslalom am Olympiaberg in München. Ich finde diese Entwicklung sehr interessant und eventuell auch zukunftsweisend. Ich bin kein Profi, aber womöglich ist es in der Gesamtbilanz ökologischer, 25 Tonnen Schnee in die Düsseldorfer Altstadt zu karren, als wenn zigtausende oberbayerische Individualisten als Zuschauer nach Ruhpolding fahren.

In Pyeongchang würde die Ökobilanz der Olympischen Spiele sicher schlechter ausfallen als in München. Kann man in einer globalisierten Welt damit argumentieren?

Das mag inhaltlich richtig sein, hilft aber nicht in der Argumentation. Das Floriansprinzip ist allgegenwärtig: Bevor ich in meiner Gemeinde etwas habe, was mich stören könnte, soll das lieber woanders sein. Selbstverständlich sind die Olympia-Baumaßnahmen eine enorme Belastung für die Bewohner. Und wenn die auch noch hören, dass etwas nur temporär gebaut wird, ja was bleibt denn dann, außer Ärger? Das klappt vielleicht in Katar oder Dubai, aber nicht in Garmisch. Nachhaltigkeit ist das Thema schlechthin. Wenn schon Olympiabaustelle, dann richtig, nämlich inklusive B2-Tunnel und optimierter Bahnstrecke. Diese Olympia-Maßnahmen müssen ein breites Thema werden! Die sagenhaft moderne U-Bahn war die große Errungenschaft von München 72. Als ich später hier studierte, hing in unserer WG ein Plakat von Franziska Bilek, auf dem Herr Hirnbeiß zu seinem Dackel sagt: „Mia san Hund und fahrn Untergrund. Und zahlen tuat’s da Bund!“ Dieses Gefühl muss man erzeugen. Man kann den Menschen nicht einfach sagen: „Ihr kriegt die Spiele, wie geil!“ Olympia muss dem Gastgeber etwas Bleibendes hinterlassen.

Sie beweisen Mediator-Talent! Angenommen, Sie müssten wie Geißler bei Stuttgart 21 den Schlichter für München 18 spielen. Wie würden Sie zwischen OlympiJA und NOlympia vermitteln?

Heiner Geißler hatte die Aufgabe, diesen Bahnhof irgendwie an den Start zu bringen. Bei München 2018 ist die Situation eine andere. Die Entscheidung treffen weder die Befürworter, noch die Gegner. Sie wird vom IOC gefällt. Sollten wir am 6. Juli den Zuschlag bekommen, wäre eine Mediation vielleicht vonnöten. Was nämlich nicht passieren darf, ist, dass Olympia nur für jene ein riesen Spaß wird, die Geld damit verdienen. Es darf keinen geben, der nur Opfer bringt. Olympia muss sich für jeden lohnen.

Was empfinden Sie, wenn Sie in diesem Zusammenhang das Wort „Enteignung“ hören?

Dieses Wort verträgt sich weder mit dem Geist einer solchen Veranstaltung noch entspricht es dem Stil der deutschen Demokratie. Es passt auch nicht zur geschätzten „Liberalitas Bavariae“. Wenn Juristen im Vorfeld über die Medien mit solchen Begriffen drohen, dann ist das schlimm.

Weil es gerade zum Thema passt: Sagt Ihnen „Väterchen Timofei“, der Eremit aus dem Olympiapark, etwas?

Ja, Timofei ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie bei einem streng reglementierten Event wie Olympia ein Stück Anarchie möglich ist. Als ich kurz vor der Ski WM ein Foto von einem 200 Jahre alten Blockhaus-Stadl, der in Garmisch abgetragen wurde, in der Zeitung sah, war das rein planerisch nachvollziehbar. Dennoch blutete mir das Herz. Jetzt ist dieser Stadl zwar nicht Väterchen Timofei, aber doch ein Beispiel bäuerlicher Tradition, die man trotz strenger Bebauungspläne eventuell integrieren könnte. Man darf wegen Olympia nicht alles aseptisch platt machen. Lässt sich nicht manches ins Olympische Flair integrieren? Der Grundgedanke muss Menschlichkeit sein. Nicht sportliche Perfektion.

Infos

Timofei Wassiljewitsch Prochorow flüchtete nach dem 2. Weltkrieg aus Russland und ließ sich 1952 in München als Einsiedler auf dem Oberwiesenfeld nieder. Dort erbaute er (ohne behördliche Genehmigung) aus Kriegsschutt eine Kirche, Kapelle und ein Wohnhaus. Als München den Zuschlag für die Spiele 72 bekam, hätte Väterchen Timofei, wie ihn die Münchner liebevoll nannten, vertrieben werden sollen. Nach dem vehementen Protest der Münchner Bürger, wurde die auf „Timofeis“ Areal geplante Reithalle kurzerhand nach Riem verlegt. Timofei durfte weiterhin im „charmantesten Schwarzbau Münchens“ (so OB Ude) bleiben. Nach dessen Tod 2004 wurde die Einsiedelei im Olympiapark ein Museum.