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Russisches Roulette am Nanga Parbat

Der italienische Extrembergsteiger Simone Moro (44) und der Kasache Denis Urubko (38) brechen am 26.12.2011 zum Nanga Parbat auf. Gelingt die gefährliche Expedition, winkt ein historischer Erfolg. Im Winter stand noch keiner auf dem 8125 Meter hohen Achttausender, der als deutscher Schicksalsberg in die Geschichte eingegangen ist.

Johanna Stöckl traf die beiden Bergsteiger in München zu einem Interview.

Über welche Route wollen Sie auf den Nanga Parbat?

Moro Über die Diamir Seite und die Kinshofer Route. Wir sind aber offen für andere Aufstiegsvarianten. Das entscheiden wir vor Ort, wenn wir die Verhältnisse am Berg einsehen können.

Es werden sich im Winter ja kaum Träger für dieses Vorhaben finden. Wie kommt man ins Basislager?

Urubko Berechtigte Frage. Ursprünglich wollten wir ja zum Broad Peak aufbrechen, hätten aber, um ins Basislager zu gelangen, einen Helikopter gebraucht. Aber die pakistanische Armee hat die Flugkosten um über 300 Prozent, auf 8800 Dollar pro Stunde, erhöht. So viel Geld für einen Berg auszugeben, das ist nicht unser Stil. Daher mussten wir unser Ziel ändern. Den Nanga Parbat aber kann man ohne Fremdhilfe erreichen. Über einen mehrstündigen Anmarsch von Tato aus, dem Ort, an dem die von Messner erbaute Schule steht, kommt man auch im Winter relativ gut zu Fuß ins Basislager.

Wurden vorab Depots für Sie angelegt?

Moro Nein, es gibt keine Depots. Es sind keine Essensvorräte oder Material für uns vergraben, falls Sie das meinen. Was wir brauchen, tragen wir selbst zum Berg.
Urubko Allerdings unterstützten uns Einheimische vorab, indem sie uns eine Art Lawinenschutz bauten. Eine Steinmauer steht im Basislager, hinter der wir unser Zelt aufstellen.

Haben Sie Zusatzsauerstoff dabei?

Moro Nein. Am Nanga Parbat herrschen, zumindest im Basislager, humane Bedingungen. Das Basecamp liegt relativ niedrig auf 4000 Metern. Das ist ein Vorteil. Wir können ins uns dort in Ruhe gut akklimatisieren.

Auch kein Sauerstoff für den Ernstfall?

Moro Nein. Wir gehen ohne Sauerstoff.

Ist eine Winterbesteigung eines Achttausenders nicht russisches Roulette?

Urubko Es ist sicher gefährlicher als eine Besteigung während der Sommermonate. Fehler werden im Winter nicht verziehen. Korrekturen gibt es nicht. Du bekommst nur eine Chance. Daher muss man am Berg sehr klar sein und präzise entscheiden. Wenn wir entsprechend akklimatisiert sind, alle Vorbereitungen getroffen haben und der Wetterbericht brauchbar wird, geht es los. Warten oder lange Abwägen ist nicht drin. Wir müssen uns unheimlich fokussieren.

Temperaturen um die minus vierzig Grad und heftige Winde erwarten Sie. Wie schützt man sich gegen diese abartige Kälte?

Urubko Das größte Problem ist vordergründig nicht die Kälte, sondern die Höhe. Um warm zu bleiben, braucht man in erster Linie viel Luft. Der menschliche Körper funktioniert ja wie ein Ofen. Hat er zu wenig Luft, geht die Flamme aus. Unser Körper muss sich daran gewöhnen in der Höhe mit weniger Sauerstoff auszukommen und dabei trotzdem halbwegs warm bleiben. Eine gute Akklimatisation ist daher entscheidend. Wir werden bis in eine Höhe von 6500 Metern mehrmals auf- und absteigen. Und natürlich haben wir entsprechende Ausrüstung dabei: Gute Daunenkombis, warme Schuhe und Schlafsäcke, dicke Handschuhe. Wir brechen ja nicht zum ersten Mal im Winter auf einen Achttausender auf.
Moro Also, falls Sie glauben, es hätte eine Ausrüsterfirma eigens etwas Besonderes für uns entwickelt, muss ich Sie enttäuschen. Wir haben keine Prototypen dabei. Wir tragen nichts anderes als die übliche Expeditions-Ausrüstung. Alles, was wir am Körper tragen, kann man theoretisch auch bei Sport Scheck in München kaufen.

Wird noch jemand am Nanga Parbat unterwegs sein?

Urubko Es kursiert ein Gerücht, dass eine polnische Expedition eventuell auch am Nanga Parbat sein könnte. Wir wissen aber nicht einmal, ob das stimmt, geschweige denn, von welcher Seite diese Expedition auf den Nanga Parbat steigen will. Was wir sicher wissen: Simone und ich werden zu zweit aufbrechen. Zwei Pakistanis begleiten uns bis ins Basecamp, aber auf den Berg gehen wir definitiv alleine.

Sie können an einem Achttausender im Winter auf keinerlei Hilfe hoffen, falls Sie in Schwierigkeiten kommen sollten. Wie gehen Sie mit dem Gefühl der absoluten Ausgesetztheit um?

Urubko In der Tat, wird sind zu zweit am Ende der Welt, völlig isoliert und ohne Rückhalt oder doppelten Boden. Aber wir sind mental bereit dafür.
Moro Wenn du im Winter zum Nanga Parbat aufbrichst, nur um berühmt zu werden, dann garantiere ich, dass du nach zehn Tagen im Zelt wieder abhaust. Es ist saukalt, sehr gefährlich, zu Hause warten die Kinder, die Ehefrau ... es hält dich eigentlich nichts an so einem menschenfeindlichen Ort. Wenn deine Motivation aber weit über dein Ego hinausgeht, du das Abenteuer bewusst suchst und Neuland betreten möchtest, dann kommst du auch mit der Isolation klar.

Lieben Sie das Risiko?

Urubko Gewissermaßen ja, wobei ich das erklären möchte. Wenn du völlig auf dich alleine gestellt und exponiert bist, dir niemand helfen kann, schärft das den Blick für die Sache ungemein. Derart fokussiert zu sein, ist ein gutes Gefühl.
Moro Wir fahren nicht zum Nanga Parbat, um dort zu sterben. Wenn es zu gefährlich wird, kehren wir um. Auch 50 Meter unter dem Gipfel. Unsere Expedition ist kein Selbstmordkommando.

Aber .... am Gasherbrum II letzten Winter wurden Sie beide von einer Lawine erfasst ...

Moro 44 Expeditionen habe ich bisher unternommen. Jede dauerte an die zwei Monate. Das sind ganze zehn Jahre meines Lebens, die ich im Himalaja unterwegs war. Ich wurde in zehn Jahren nur einmal von einer Lawine erfasst. Wenn ich mich in München am Stacchus zehn Jahre lang an den Straßenrand stelle, bin ich mir sicher, dass mich nicht nur einmal ein Auto erfasst und umfährt.

Wie darf man sich das Training vor so einer Expedition vorstellen?

Moro Ich trainiere ganzjährig, höre nie auf. Und sogar heute, an einem Ruhetag mit Terminen in München, sind Denis und ich morgens 21 Kilometer durch den Englischen Garten gelaufen. Ich liebe das Training. Über die vielen Jahre ist das wie ein Job geworden. Wenn andere ins Büro gehen, trainieren wir.

Ist Bergsteigen also ein Job?

Urubko Es ist unsere Leidenschaft, die wir und von der wir als Profibergsteiger leben. Unser Körper ist unser Werkzeug. Fitness ist die Basis.

Tageslanges Warten auf brauchbares Wetter im Zelt kann zu einem Martyrium werden.

Moro Wir profitieren vom Fortschritt. Zu Zeiten eines Hermann Buhl war das sicher hart. Der konnte ein Buch lesen oder sich mit einem Kollegen unterhalten. Heute ist das anders. Über ein Satellitentelefon kann ich jederzeit mit meiner Familie sprechen. Im Basislager kann ich Musik hören, oder, wenn die Internetverbindung steht, über Skype sogar meine Familie sehen oder mir auf einem kleinen Laptop einen Film anschauen. Gefühlt sind wir also weniger isoliert. Die Satellitenverbindung hilft uns sicher auf der emotionalen Ebene. Aber auf dem Gipfel des Nanga Parbat können wir trotzdem niemanden um Hilfe rufen. Wir könnten zwar telefonieren, aber wen sollten wir anrufen? Es hilft dir keiner!

Ist der Reiz einer Wintererstbesteigung, dass Ihnen – Gelingen vorausgesetzt – ein historischer Erfolg winkt?

Moro Mein Antrieb war und ist das Abenteuer. Der Pioniergeist. Ich will im Alpinismus Neuland betreten. Wenn ich dabei etwas erreichen kann, was noch niemandem vor mir gelungen ist, ist das gut. Aber mein Antrieb ist es nicht, besser zu sein als ein anderer. Ich betreibe keinen Wettkampf. Bergsteiger wie Buhl und Messner haben mich inspiriert. Die Art wie sie neue Maßstäbe gesetzt und die Grenzen verschoben haben. Aber ich bin kein „Sammler“ von Gipfeln. Briefmarken oder Kunst, das kann man sammeln, aber nicht Erfolge am Berg. Das wäre ein ziemlich gefährliches Hobby.
Urubko Ich bin ein Sportsmann, der im sowjetischen System aufgewachsen ist. Bereits in meiner Jugend wollte ich im Sport schneller oder besser sein als andere. Insofern bin ich nicht ganz frei vom Wettkampfgedanken. Aber ich stimme mit Simone zu 100 Prozent überein. Ich gehe nicht zum Nanga Parbat, um der erste zu sein. Das ist nicht meine Motivation. Wenn es gelingt, freue ich mich umso mehr. Dann haben wir etwas richtig gemacht. Und dann ist es auch historisch.
Moro Ich will beweisen, auch den jungen Bergsteigern dieser Welt, dass es nach wie vor Raum und Zeit für alpinistische Träume gibt. Je größer allerdings das Ziel, umso intensiver muss auch die Vorbereitung sein. Olympiasieger wirst du ja schließlich auch nicht über Nacht.

Wer im Winter an einem Achttausender erfolgreich sein will, muss schnell, also „leicht“ unterwegs sein. Was haben Sie am Gipfeltag im Rucksack?

Urubko (lacht). Am Gipfeltag gehen wir ohne Rucksack. Alles, was wir dann brauchen, ist am Mann oder in den Jackentaschen verstaut.

Gipfelfoto. Funktionieren Kameras bei diesen Temperaturen noch?

Moro Solange du frische Batterien hast, ja. Du musst diese aber immer brav am Körper tragen. Die Kamera muss geschützt werden wie eine dritte Hand.

Wie entstehen Fotos vom Gipfel? Handschuhe ausziehen, Erfrierungen in Kauf nehmen?

Urubko Die Daunenhandschuhe müssen weg, aber wir tragen noch Windstopper-Handschuhe darunter. Und dann musst du schnell sein.

Haben Sie eigentlich einen Koch im Basislager?

Moro Ja, wir haben einen pakistanischen Koch dabei. Den besten Küchenchef in der kleinsten Küche der Welt. Er kocht nicht nur gut, er ist unheimlich freundlich und humorvoll. Ein treuer Begleiter in vielen Expeditionen.
Urubko Wir sind seine Küchenhilfen und haben richtig Spaß. Wir kochen zusammen, schneiden die Kartoffeln oder Gemüse für ihn.

Sie brechen am 26.12. 2011 auf. Sind Sie unterm Weihnachtsbaum mit den Gedanken bereits am Nanga Parbat?

Moro Nein, wir feiern beide ganz intim mit unseren Familien und Kindern Weihnachten. Mit allem Drum und Dran. Und am 26. Dezember legen wir dann einen Schalter um.

Wintererstbesteigungen

Team: Simone Moro / Denis Urubko
Januar 2005: Simone Moro und Piotr Morawski (Polen) gelingt die erste Winterbesteigung des Sishapangma (8.027 m)
Februar 2009: Moro und Urubko gelingt erste Winterbesteigung des Makalu (8.485 m).
Februar 2011: Moro, Urubko und Cory Richards (USA) gelingt die erste Winterbesteigung des Gasherbrum II (8.034 m)

Nanga Parbat

Der in der Provinz Gilgit-Baltistan gelegene Nanga Parbat (8.125 Meter) ist der neunthöchste Berg der Erde. Das Nanga Parbat-Massiv gilt nicht nur als die größte sichtbare, freistehende Massenerhebung des Planeten, sondern kann mit der 4.500 Meter hohen Rupal-Flanke auch die höchste Gebirgswand der Erde aufweisen. Erstbestiegen wurde er 1953 vom Österreicher Hermann Buhl. Bisher verunglückten 68 Menschen am Nanga Parbat. 1937 starben 16 Menschen, darunter neun deutsche Bergsteiger, in einer Lawine am Nanga Parbat, der seither den Namen „deutscher Schicksalsberg“ trägt. Er gilt als einer der am schwersten Achttausender. Alle Versuche ihn im Winter zu besteigen, scheiterten bisher.

Statement Reinhold Messner

"Simone Moro und Denis Urubko, beide Ausnahmebergsteiger, wünsche ich viel Glück im Winter am Nanga Parbat. Auf der "Kinshofer - Route" sind die Chancen, zum Gipfel zu kommen, recht gut. Trotzdem bleibt jede Wintertour am Nanga ein hartes Stück Arbeit: Im BC viel Schnee, oben Blankeis, Kälte und viel Wind."