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Stadtaffen

In München kann man surfen. Ohne Meer. Am Eisbach. Das weiß hier jedes Kind. Klettern kann man auch. Wer braucht schon Alpen? Neuerdings muss man dazu aber nicht mehr zwingend in die Halle gehen. Man klettert theoretisch überall: an Hauswänden, Fassaden, Brückenpfeilern, Mauern, Unterführungen, Geländern oder Säulen. So wie der 22-jährige Bürokaufmann Martin, der seinen Nachnamen hier „lieber nicht nennen will“. Schließlich bewege er sich mit seinem Sport, rein rechtlich, in einer Grauzone.

Das urbane Klettervergnügen hat einen Namen. Wenn Martin mit seinen beiden Kumpels Clement und Benny, loszieht, gehen sie zum „Buildern“. Dieses Wort kommt aus dem Englischen und ist eine Mischung aus „Boulder“ (Felsblock) und „Building“ (Gebäude). So wie man beim „Bouldern“ an Felsblöcken oder Wänden ohne Seil und Sicherung in Absprunghöhe klettert, tut man dies auch beim Buildern – nur eben an urbanen Objekten. Free Solo mitten in der Stadt!

Ihre heißesten „Spots“ listen Martin, Clement und Benny mittlerweile auf einer eigens dafür eingerichteten Website. Das liest sich dann am Beispiel Deutsches Museum in etwa so: „Der markanteste Spot liegt direkt davor - die Schiffsschraube aus dem Jahre 1904. Wer sich hier betätigt, kann sich darauf verlassen, schnell eine kleine Traube von Zuschauern zu haben. Höhe: 2,5 Meter, Schwierigkeit: mittel bis schwer.“

Apropos: Gibt es oft Ärger mit Passanten oder gar der Security? „Die Passanten freuen sich eher, bleiben stehen und schauen uns zu.“ erzählt Martin. Kürzlich hätte sich sogar einer spontan mit angeschlossen. Die Security kam bisher erst einmal, an der LMU, aber wirklich eingeschritten sei sie nicht. „Wir wissen uns schon zu benehmen, schließlich wollen wir in München möglichst lange und stressfrei buildern.“ Und das heißt? „Es gibt Gebäude, die tabu sind.“ Denkmalgeschützte Bauten scheiden aus. Und natürlich klettere man auch nicht gerade vor den Augen Udes an der Rathausfassade entlang. Strenge Regeln: Niemanden stören, keinen Schaden anrichten und keine Spuren hinterlassen! Daher tragen sie auch keinen Magnesiumbeutel bei sich wie sonst beim Klettern oder Bouldern.

Was sie allerdings zum Buildern brauchen, sind – logisch – Kletterschuhe und eine dicke Matte, die man Crashpad nennt. Die trägt man, was sehr lustig aussieht, vorerst auf dem Rücken wie ein mobiles Bett. Und legt sie dann am Spot entsprechend auf den Boden. Falls man stürzt. Martin schätzt, dass es in München momentan an die 50 junge Menschen gibt, die diese urbane Sportart offiziell-inoffiziell ausüben. Obwohl: „Jeder Kletterer ist schon mal gebuildert. Es gibt Objekte, die einen förmlich anlachen.

Das muss man dann einfach versuchen.“ Großer Vorteil außerdem: „Man kann diesen Sport mehr oder weniger das ganze Jahr über, unabhängig von den Jahreszeiten, ausüben.“ Und weil das alles seinen Ursprung in der Kletter- und Boulderszene hat, gibt es auch Schwierigkeitsgrade, definiert man seine Route und darf ihr als Erstbegeher auch einen pfiffigen Namen geben. Martins Wunsch-Objekt gibt er an dieser Stelle natürlich nicht preis. Erstens: damit ihm keiner zuvor kommt. Und zweitens: Um unnötige Unruhe vorab zu vermeiden. Eine Einladung zu einer Buildering Session am 28. Mai um 14 Uhr habe ich nach meinem Kurz-Interview erhalten. Via Facebook. Wo sie startet? „Wittelsbacherbrücke, unten am Brückenbogen, direkt an der Isar.“