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Steve House, stiller Held

Hohe Berge und steile Wände liebt er. Schwierige Routen ziehen ihn magisch an. Der amerikanische Extrembergsteiger Steve House ist im deutschsprachigen Raum nur der Szene ein Begriff. Dabei gehört er momentan zur erlesenen Avantgarde des Alpinismus. Er gilt als der beste Höhenbergsteiger der Welt. Der neue Reinhold Messner.

Ein Porträt anlässlich seiner deutschen Buchneuerscheinung „Jenseits des Berges“ von Johanna Stöckl, München

International Mountain Summit in Brixen

Frenetischer Applaus. Minutenlang. Über 200 Menschen sind gerührt, ergriffen, fasziniert. Manche richtig aus dem Häuschen. Einer davon: Reinhold Messner. Er ist derart bewegt, dass er bei der Pressekonferenz danach unter Tränen der Rührung die Bühne verlassen muss. Im November 2009 hat Steve House mit seinem Vortrag beim International Mountain Summit das Publikum in den Bann gezogen. Und das, obwohl er auf eine heroische, technisch perfekte Multimediashow verzichtet. Ein simpler Diavortrag mit selbst geknipsten Bildern, die es niemals in Hochglanzmagazine schaffen würden, war das Gesprächsthema Nummer Eins in Brixen. Keiner hat das Publikum so gepackt wie er: Steve House, ein Purist, nicht nur in den Bergen.

Eine Frage des Stils

„The simpler you make things, the richer the experience becomes“ was frei übersetzt so viel heißt wie: „Je einfacher du die Dinge gestaltest, umso mehr hast du davon“ ist alpinistische Kernaussage und fast schon Lebensmotto von Steve House. Große, aufwändige Expeditionen lehnt er ab. Viel lieber ist er in Zweierteams oder im Idealfall sogar alleine unterwegs. House strebt danach, die Ambitionen eines Hochleistungssportlers am Berg mit einem Minimum an technischem Aufwand zu realisieren. Sein Ziel sind nicht die prestigeträchtigen, höchsten Gipfel um jeden Preis, sondern die Erfahrung größtmöglicher Exposition in kleinen und daher schnellen Teams. Mit wenigen Hilfsmitteln. Beim so genannten Alpinstil kennt House keine Kompromisse. Da ist der Purist ein Radikaler.

Sucht man Informationen zu Steve House im Internet findet man zwar eine Homepage. Richtig viel erfährt man dort allerdings nicht über ihn. Nur das Nötigste. Eine kurze Vita, eine überschaubare Liste an Sponsoren, ein paar Sätze zu seinem Training, die Highlights seiner Kletterkarriere. That’s it. Offensive Vermarktung ist scheinbar nicht sein Ding. Befragt man den 40-jährigen Amerikaner zu seinem vergleichsweise spärlich informativen und minimal bebilderten Internetauftritt, fällt die Antwort kurz und knapp aus: „Ich verkaufe schließlich nichts auf meiner Homepage. Ich bin Bergsteiger, kein Unternehmer.“

Rupalwand, Nanga Parbat

Als Steve House im September 2005 nach einem sechstägigen Klettermarathon und Überlebenskampf durch die Rupalwand auf dem Gipfel des 8125 Meter hohen Nanga Parbat und somit am Höhepunkt seiner Bergsteiger-Karriere angekommen war, machte er ein bezeichnendes Foto. Nichts weiter als einen leicht unscharfen Schwarz-Weiß-Schnappschuss, aufgenommen mit einer billigen Digitalkamera. Das Foto hat nichts Heroisches und ist gerade deshalb so besonders. Es zeigt seinen Kletterpartner Vince Anderson völlig erschöpft am Gipfel des Nanga Parbat vor einem Steinhaufen am Boden kniend. Die Arme in der dicken Daunenjacke sind nicht gen Himmel gerichtet, wie man das sonst von Siegerfotos kennt, sondern hängen schlaff am Körper herab. Durch seine Sonnenbrille lugt Anderson völlig entkräftet nach oben. Ganz so, als wollte er höhere Mächte fragen, wieso sie ihm das bloß antun. Dieses Bild – es ist das Lieblingsfoto von Steve House – vermittelt dem Betrachter weit mehr über Verzweiflung, Erschöpfung, Seligkeit, Glück und Leid als die üblichen Heldenfotos aus diversen Klettermagazinen.

Er ist kein Selbstdarsteller

Steve House ist anders. Er ist kein Selbstdarsteller. Er mag es schlicht und sich vor allem auf das Wesentliche konzentrieren. Gerade am Berg. Daher verzichtet er auf Kamerateams oder Fotografen, die ihn auf Expedition begleiten, obwohl sich etwaige Sponsoren und Partner aus der Wirtschaft sicherlich darüber freuen würden. „Entweder ich gehe klettern oder ich drehe einen Hollywoodfilm. Beides zusammen geht nicht“ – Steve House verweigert sich den üblichen Marktgesetzen im Sponsoring-Bereich. Nichtsdestotrotz gibt es einen Finanzpartner aus der Wirtschaft: Die Firma „patagonia“, welche sich der Produktion hochwertiger und nachhaltiger Bergsportausrüstung unter ökologischen Gesichtspunkten verschrieben hat, fühlt sich offensichtlich wohl mit dem Image des Extrembergsteigers und umgekehrt passt „patagonia“ zu den Idealen von Steve House. Die Zusammenarbeit ist an keine strikten Verträge geknüpft, sondern definiert sich als Freundschaft auf Gegenseitigkeit mit Vorteilen für beide Seiten. Nur so lässt sich für House das Streben nach Unabhängigkeit und freier Selbstbestimmung mit den Interessen eines Sponsors verbinden. Das sei ihm wichtig.

Kindheit in der Natur, Jugend in den Bergen

1970 geboren wuchs Steve House im tiefsten Oregon auf und verbrachte seine Kindheit und Jugend hauptsächlich in der Natur mit Angeln, Jagen, Wandern, Zelten. Vater Don House, der während der Army-Zeit in Stuttgart das Bergsteigen für sich entdeckte und im Berner Oberland sogar Eiger, Mönch und Jungfrau bestieg, wollte die Leidenschaft an seinen Sohn übertragen. 1981 nach seiner ersten Bergtour auf den Mount Hood (3425 Meter), bei der er völlig erschöpft noch vor dem Erreichen des Gipfels einschlief, schwor sich Steve House vorerst nie wieder auf einen Berg zu steigen.

Mit 15 Jahren schließlich fängt er Feuer und unternimmt erste kleine Klettertouren zu Hause in Pullman/Oregon. Richtig ernst wird es 18-jährig nach dem High School Abschluss. House entscheidet sich für ein Auslandsjahr in Jugoslawien und landet in einem Dorf in den slowenischen Alpen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Auf Initiative seiner Gastfamilie wird er Mitglied im „Bergverein Kozjak“, um der Langeweile zu entfliehen. Ergebnis? 180 Tage war er in den Bergen und schnupperte erste alpine Erfahrungen am Triglav, dem höchsten Berg Sloweniens. „Was ich heute bin und kann, habe ich Ljubo, Branko und meinen anderen slowenischen Freunden von damals zu verdanken.

Die verrückten Slowenen sind auch schuld daran, dass ich bereits mit 19 Jahren das erste Mal als Teil einer slowenischen Expedition den Nanga Parbat live erleben durfte. “ Er schleppte zwar Rucksäcke und Equipment in diverse Höhenlager, war aber freilich nicht als Gipfelgänger vorgesehen. Das enttäuscht ihn, weckt aber seinen Ehrgeiz. Er wird wiederkommen, weil er wiederkommen muss! Das Erlebnis Nanga Parbat prägt außerdem seine Vorstellung vom Bergsteigen nachhaltig. Ihn schockiert die Selbstverständlichkeit mit der damals 20 Mann starke Expeditionen Müll, Seile, Haken, Zelte und Sauerstoff-Flaschen nach einer wahren Materialschlacht am Berg zurücklassen. House will auch nach oben, aber anders. Ohne Sauerstoff, ohne Fixseile, ohne Hochträger, ohne Spuren zu hinterlassen. Er will alles, was er braucht, am Mann haben, im Aufstieg wie im Abstieg, denn nur dann bekommt er „ein echtes Gefühl für den Berg.“

Die Nähe zum Risiko erfüllt ihn mit Leben

Anschließend studiert Steve House Ökologie und absolviert als siebter Amerikaner überhaupt die achtjährige Ausbildung zum Bergführer mit allen Qualifikationen der AMGA, der American Mountain Guides Association und der IFMGA, der International Federation of Mountain Guides Association. In den Folgejahren trainiert House wie ein Verrückter, akzeptiert seine Leidenschaft kaum Grenzen. Der Tod einiger Kletterpartner hinterlässt zwar tiefe Spuren in seiner Seele, ans Aufhören aber denkt House nie. Im Gegenteil. Die Nähe zum unkalkulierbaren Risiko erfülle ihn sogar mit Leben.

Nur so ist es zu verstehen, wieso er alles Geld, das er als Bergführer verdiente, in seine riskanten Expeditionen investierte, er nach neun Jahren Ehe des Bergsteigens wegen seine Ehefrau verließ, warum er am North Twin, nachdem er beim Sockenwechsel einen Schuh verlor, trotzdem weiterkletterte, er mit nur drei Kilo Gepäck die K7 Südwest Wand Single-Push durchstieg. Alleine, in 41 Stunden, nonstop. Der Grenzgänger sucht genau diese Momente, weil er an ihnen wachsen kann. Rückschläge in Kauf zu nehmen, hat House gelernt seit er in den Bergen ist. 2004 in der Rupalwand musste ihn zwar der damalige Kletterpartner Bruce Miller zur Umkehr zwingen. House wollte – obwohl höhenkrank – weitersteigen.

Ein Jahr später kam er zurück. 2005 gelingt über den Zentralpfeiler der Durchstieg durch Rupalwand, „by fair means“, wofür der Seilschaft House/Anderson 2006 der Oscar des Bergsports, der „Piolet d’Or“ verliehen wurde, und zieht großes mediales Echo nach sich. Im deutschsprachigen Raum berichten plötzlich nicht nur Special Interest Magazine, sondern auch die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel über ihn. Sogar der deutsche Playboy widmet dem Amerikaner House ein vierseitiges Porträt unter dem Titel „Wen der Berg ruft“.

Sturz am Mount Temple

Über künftige alpine Projekte spricht House, der Österreichs höchsten Gipfel, den Großglockner, bereits in jungen Jahren bestiegen hat und im Grazer Umland schon beim Klettern war, nicht gerne, weil er weiß, dass es anders kommen kann. Für diesen Sommer war eine Expedition zum K2 geplant. House wollte über die bisher erst zweimal bestiegene Westwand durch das Sickle Colouir auf den Gipfel. Ein schwerer Kletterunfall am Mount Temple in den kanadischen Rockies stoppte dieses Unternehmen im April 2010. Bei diesem bösen Sturz zog sich House über 20 Frakturen zu! Ein Glück, dass er überlebte.

Momentan stehen Krankengymnastik und Physiotherapie auf dem Programm. Radfahren und Joggen sind schon möglich. Auch Klettern wird er bald wieder gehen. Die Expedition zum K2 hat er zwar abgesagt, aber längst nicht aufgegeben. Nur verschoben. Steve House hat gelernt zu warten. He will be back.