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Dieser Titel ist Nebensache

Reinhold Messner (67) ist der bekannteste Bergsteiger aller Zeiten. Gleich mehrere Meilensteine im Alpinismus kann er für sich verbuchen. 1978 erreichte er gemeinsam mit Peter Habeler erstmals den Gipfel des Mount Everest ohne Verwendung von künstlichem Sauerstoff. Im selben Jahr bezwang er als erster Mensch einen Achttausender im Alleingang. Mit seinem Erfolg am Gipfel des Lhotse (8.516 m) trug er sich am 16. Oktober 1986 endgültig in die Geschichtsbücher ein: als erster Mensch, der auf allen 14 Achttausendern stand. Zum 25. Jahrestag sprachen wir mit Reinhold Messner über Bergsport, damals und heute.

Ein Interview von Johanna Stöckl

Am 16. Oktober 1986 standen Sie auf dem Gipfel des Lhotse und waren somit der erste Mensch auf allen 14 Achttausendern, ohne Verwendung von Flaschensauerstoff. Was war das für ein Gefühl am Gipfel?

Das Gipfelglück hielt sich bei Hans (Anmerkung: Kammerlander) und mir in Grenzen, denn es war an diesem Tag sehr windig und somit auch extrem gefährlich. Anders als heute waren damals in der Lhotse-Rinne noch keine Fixseile befestigt. Das heißt, es brauchte enorme Konzentration für den Abstieg. Weiter unten, an der Stelle, wo sich die Wege zum Lhotse und Everest kreuzen, machte sich allerdings eine große Erleichterung breit. Ich konnte endgültig aufatmen, denn mir war klar: Jetzt ist ein Thema abgeschlossen und ein neuer Abschnitt kann beginnen.

Sie sind der bekannteste Bergsteiger weltweit und behaupten von der Gnade der frühen Geburt profitiert zu haben. Wird es jemals wieder einen „Messner“ im Alpinsport geben?

(Lacht) Ja, diesen Satz verwende ich in Anlehnung an Altbundeskanzler Kohl, der allerdings „von der Gnade der späten Geburt“ sprach, immer wieder gerne. Wir Höhenbergsteiger konnten damals noch primäre Erfahrungen am Berg machen, Neuland betreten. Das kann heute kein Höhenbergsteiger mehr. Insofern hatte ich Glück. Niemand kann den Mount Everest mehr so vorfinden wie wir ihn damals vorgefunden haben. Als ich 1980 solo am Everest stand, war ich an diesem Berg ganz alleine. Da war sonst niemand. Weder an der Süd-, Nord-, Ost- oder Westseite. Heute ist ein Höhenbergsteiger mit mehreren hundert anderen Bergsteigern an einem Achttausender unterwegs. Das lässt sich nicht mehr vergleichen.

Was sagt dann Reinhold Messner, wenn dieser Tage jemand von einem Alleingang auf den Mount Everest spricht?

(Lacht) Der Herr verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie sagen.

Sie sind Bergsteiger, Bergbauer, Buchautor, waren Abgeordneter im Europaparlament, Museumsgründer, Vortragender ... In welcher Rolle fühl(t)en Sie sich am wohlsten?

Immer in der Rolle, in der ich mich gerade befinde. 10 Jahre lang war ich ein extremer Felskletterer. Mich hat in dieser Zeit nichts anderes interessiert. (Lacht) Nicht einmal die Frauen. Später wurde ich, weil ich meine Zehen durch Erfrierungen verloren hatte, gezwungener Maßen Höhenbergsteiger. Mit Projekten wie der Durchquerung der Antarktis entwickelte ich mich zum Abenteurer oder Grenzgänger. Das Bücherschreiben entstand aus reiner Neugierde heraus und weil ich etwas Bleibendes hinterlassen wollte. Heute schreibe ich unter anderem auch, um mein Gehirn zu trainieren, damit ich nicht zu schnell „veralzheimere“. Und wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich eben Vortragender. Politik mache ich nur mehr hinter den Kulissen. Politisch gesehen bin ich heute nichts weiter als eine Stimme. Ich hoffe allerdings, dass ich noch einmal in meinem Leben die Kraft finde, mich so stark auf eine Sache zu fokussieren, dass sie zwangsläufig in Erfolg mündet.

An welchen Bereich denken Sie?

(Lacht) Vielleicht als Filmemacher?

Geht Familie Messner eigentlich in die Berge?

Mit meiner Familie mache ich jedes Jahr eine große Reise. Und dabei gehen wir durchaus auch in die Berge. In Kürze z. B. geht es nach Mexiko. Dort werde ich einen heiligen Berg besteigen. Mit meinem Sohn Simon, der natürlich mittlerweile viel besser klettert als ich, gehe ich regelmäßig auf Tour. Der allerdings rümpft gelegentlich die Nase und meint: „Papa, wenn du nicht mehr trainierst, können wir bald keine so schwierigen Touren mehr machen!“

Was wäre, wenn Ihr Sohn auch Profibergsteiger werden wollte?

Simon ist mit seinen 20 Jahren Gott sei Dank vernünftig genug, kein Profi werden zu wollen, sondern absolviert ein Studium. Eine weise Entscheidung. Das Bergsteigen ist seine Leidenschaft, aber neben dem Reiten nur sein Hobby.

Wie bewerten Sie den Erfolg Gerlinde Kaltenbrunners, welche mit dem Erreichen des K2 als erste Frau ohne Verwendung von Zusatzsauerstoff auf allen 14 Achttausendern stand?

Unumstritten, Gerlinde Kaltenbrunner ist im Höhenbergsteigen rein physisch die stärkste Dame. Frau Kaltenbrunner hat mit dem Erreichen des K2, was ihr übrigens sehr eindrucksvoll und elegant gelungen ist, das Thema bei den Frauen weltweit ein für allemal beendet. Die Südkoreanerin Oh Eun Sun stand als erste Frau auf allen 14 Achttausendern, die Spanierin Edurne Pasaban war die zweite. Und Gerlinde Kaltenbrunner ist die erste Frau, der dies ohne Zuhilfenahme von Sauerstoff gelungen ist. Und es ist gut, dass diese Entscheidung jetzt vom Tisch ist.

Imponieren Ihnen diese Leistungen?

Ich habe Respekt vor jedem Menschen, der einen Achttausender besteigt. In Bezug auf die Alpingeschichte imponieren mir aber eher Frauen wie Lynn Hill oder Catherine Destivelle, weil sie an das Können der Männer herangekommen sind oder phasenweise sogar besser waren. Insofern wird es interessant sein, welche Ziele Frau Kaltenbrunner in Zukunft anstrebt.

Sie haben das Höhenbergsteigen über Ihre Erfolge auch populär gemacht. Heute beklagen Sie sich über kommerzielle Expeditionen zu den Achttausendern. War Ihnen damals bewusst, was Sie unter Umständen auslösen?

Indirekt haben Sie natürlich Recht. Mein Erfolg, der in der Öffentlichkeit so beklatscht wurde, hat natürlich sehr viel Aufmerksamkeit erzeugt und Nachahmer aufs Parkett gerufen. Allerdings sind die heutigen Höhenbergsteiger – ich kann mich nur wiederholen – ja nicht in unserem damaligen Stil unterwegs. Die 14 Achttausender, auch die Seven Summits, sind heute nicht einmal mehr zweit-, sondern drittklassige Alpinziele.

Wie wichtig war Ihnen der Rekord für die Ewigkeit?

Unbedeutend. Dieser Rekord war ein Nebenprodukt. Mir wurde immer unterstellt, ich hätte die 14 als Ziel minutiös geplant. Das ist insofern schon ein Schmarrn, weil ja bis in die 80er Jahre einige Achttausender gesperrt waren. Als es dann aber möglich war und ich diesen Erfolg praktisch nur noch „auflesen“ musste, habe ich es freilich versucht. Aber es war nie mein primäres Ziel.

Dennoch ist es ein Titel für die Ewigkeit

Das ist richtig. Aber dieser Titel war, das werden mir die wenigsten glauben, eher eine Nebensache in meinem Leben als Bergsteiger.

Was war Ihnen dann wichtig?

Mit ging es um die Weiterentwicklung des Alpinismus. Vom reinen Expeditionsstil, der ja veraltert und auch verpönt war, hin zum Alpinstil, schließlich zum Höhenbersteigen ohne Sauerstoff, mit Doppelüberschreitungen etc. Mir war es wichtig ans Limit, an die Grenze des Menschenmöglichen zu gehen. 1974 in der Aconcagua Südwand etwa oder 1978 am Kilimandscharo. Meine Erstbegehung dort in der „Breach Wall“ war schwieriger als fünf Achttausender zusammen. Solche Projekte waren meine Triebfeder, weniger irgendein Rekord.

Die Durchsteigung der Rupalwand am Nanga Parbat war auch so ein Meilenstein?

Ja. Ein Unternehmen, bei dem ich – wie jeder weiß – meinen Bruder Günther verloren habe, wofür ich ein Leben lang mit die Verantwortung trage.

Sie waren streng genommen der erste Bergprofi, oder?

Das war ich und wurde dafür vom Alpenverein auch gescholten. Heute sind Extrembergsteiger durchaus angesehen und etabliert in der Gesellschaft. Wir galten damals allerdings als die völligen Outlaws, die total Verrückten.

Gibt es heute Ihrer Ansicht nach überhaupt noch Extrembergsteiger?

Ja, vereinzelt gibt es sie. Im Klettern sind das sicher ein Chris Sharma oder Alexander Huber. Im Höhenbergsteigen einer wie Steve House. Doch kaum jemand, der sich heute Extrembergsteiger nennt, geht wirklich an die Grenze des Machbaren. Von jährlich etwa 150 Expeditionen an Achttausendern, laufen 149 auf dem Normalweg, der Piste, nach oben.

Ist es richtig, dass Sie eine Wohnung in München haben?

Viele Jahre hatte ich jeweils die Wintermonate in München verbracht und war den Sommer über in Juval. Eine meiner Töchter besuchte in München den Kindergarten. Zum Schulbeginn zogen wir aber endgültig nach Meran. Wir wollten, dass unsere Kinder zweisprachig aufwachsen. Die Münchner Wohnung, sie ist mein Sprungbrett zum Flughafen, habe ich aber bis heute behalten. Mein Sohn will nächstes Jahr in München studieren. Dann wird er wohl in dieser Wohnung leben.

Kann man Reinhold Messner in München wieder einmal live erleben?

Ja, in Kürze. Am 18. November um 20 Uhr im Paulaner am Nockherberg werde ich einen Vortrag über die Dolomiten halten.