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Die Wetter-Koryphäe

In seinem Büro am Flughafen Innsbruck schaut er gebannt auf mehrere Bildschirme und studiert minutenlang Balkendiagramme, ellenlange Zahlenreihen und Farbraster. Es sind dies, erklärt er, Zahlen und Wetterdaten aus dem Karakorum, also aus Pakistan. Genauer vom K2, dem zweithöchsten Berg der Erde. Die österreichische Höhenbergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner versuche sich nämlich gerade zum siebten Mal an diesem Berg. Im Laufe des Tages erwarte er ihren Anruf via Satellitentelefon, um die Wetterlage bzw. Strategie für einen möglichen Gipfelgang abzustimmen.

Dr. Karl Gabl ist Meteorologe und Leiter der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Innsbruck. In Sachen Wetter gilt er als Kapazität. Sein Spezialgebiet: Bergwetter. Weltweit. Mit seinen Vorhersagen begleitet der 64-jährige Österreicher zwischen 50 und 60 professionelle Expeditionen pro Jahr. Neben Gerlinde Kaltenbrunner (40) und Ehemann Ralf Dujmovits (49) aus Bühl vertrauen auch die bayerischen Kletterbrüder Thomas und Alexander Huber, der Südtiroler Hans Kammerlander und zahlreiche andere Bergsteigerasse den Prognosen Gabls. Reinhold Messner titulierte ihn gar einen „Wetter-Heiligen“. Als passionierter Bergsteiger und staatlich geprüfter Bergführer weiß Gabl aus eigener Erfahrung, wie das ist, hoch oben in der Todeszone: „Am Cho Oyu vor 16 Jahren hätte ich nach einem Schneesturm auf 7.800 Metern bei minus 40 Grad beinahe meine Finger verloren.“

Weltweit liefern ihm 1200 Wetterballone, 40.000 Messstationen, zahlreiche Satelliten und Bojen im Meer eine Unmenge an Wetterdaten. Der „Charly aus Innsbruck“ – so nennen ihn die Profialpinisten – kann diesen ungeheuren Wust an Information via Computer abrufen und präzise interpretieren.

Seine wertvollen Dienste bleiben aber nicht nur den Spitzenbergsteigern vorbehalten. Über den so genannten Alpenvereins-Wetterdienst ist Gabl mit seinem Team auch für Freizeitkraxler da. Wer also eine Hochtour auf die Zugspitze, den Großglockner, Mont Blanc oder Ortler plant, kann sich via Servicetelefon von Montag bis Freitag zwischen 13 und 18 Uhr meteorologisch beraten lassen. Seit 24 Jahren gibt es für Alpenvereinsmitglieder diesen kostenlosen Service, der in einer Kooperation aus ÖAV und DAV finanziert wird. „Etwas Geduld sollte man allerdings mitbringen, denn in der Hochsaison informieren sich telefonisch bis zu 150 Personen am Tag bei uns.“ erklärt Gabl. Auf der Homepage des DAV und ÖAV kann man sich außerdem einen raschen und umfangreichen Überblick über das Wettergeschehen der kommenden Tage im Alpenraum verschaffen.

An den Wänden in seinem Innsbrucker Büro hängen zahlreiche Gipfelfotos, Postkarten aus aller Welt und Dankesschreiben diverser Alpinisten. Zu seiner Landsfrau, der Profialpinisten Gerlinde Kaltenbrunner, das gibt er unverhohlen zu und wirkt stolz dabei, hat er ein besonderes inniges Verhältnis.

In einem Interview sprach Dr. Karl Gabl über seine besondere Beziehung zu Gerlinde Kaltenbrunner und deren Ehemann Ralf Dujmovits, emotionale Anrufe via Satellitentelefon, Urlaubssperren und die Nächte vor einem Gipfelgang.

Sind Sie eigentlich mit Gertrud Gabl, der Skiweltcup-Gesamtsiegerin, die 1976 in einer Lawine ums Leben kam, verwandt?

Gabl Ja, Gertrud war meine Cousine. In meiner Verwandtschaft gab es aber noch weitere Skiläufer, die im österreichischen Nationalteam waren. Mein Onkel Franz Gabl gewann bei der Winterolympiade 1948 in St. Moritz die Silbermedaille im Abfahrtslauf.

Herr Gabl, seit wie vielen Jahren vertraut Gerlinde Kaltenbrunner Ihren Prognosen?

Gabl Seit 2001 sind wir liiert. Rein meteorologisch natürlich. Ich bin quasi der Zeltpartner von Gerlinde und ihrem Ehemann Ralf. Nur sitze ich eben mehrere tausend Kilometern entfernt in Innsbruck.

Zehnjähriges Jubiläum also?

Gabl (lacht) Wenn Sie so wollen, ja.

Wenn Frau Kaltenbrunner unterwegs zum Gipfel ist, schläft Herr Gabl dann noch gut?

Gabl An den Tagen beim Gipfelgang stehe ich mitten in der Nacht noch einmal auf, um zu prüfen, wie sich die Wettersituation entwickelt und ob meine Prognose auch richtig war. Das lässt einem keine Ruhe, ist ja klar. Im Übrigen geht mir das auch bei allen anderen Expedition so, nicht nur bei Gerlinde.

Sehen Sie Frau Kaltenbrunner eigentlich dann und wann auch privat?

Gabl Wir sehen uns sporadisch, telefonieren aber regelmäßig. Im Herbst letzten Jahres hatte ich die große Ehre für Gerlinde und ihren Mann, Ralf Dujmovits, die Laudatio anlässlich der Verleihung des Titels „Berggeister des Jahres 2010“ in München zu halten. Das hat mich schon sehr berührt. Aber auch sonst ist unser Kontakt über die Jahre weit mehr als ein rein technischer, erfolgsorientierter. Das ist auch bei anderen Profis wie z. B. den Huberbuam so. Man wächst da schon zusammen. Außerdem bleibt ja auch immer Zeit für etwas Spaß am Telefon. Gerlinde schickt mir gelegentlich per Email ein paar Bilder aus dem Basis- oder einem Höhenlager. Einmal hielt sie dabei in lustiger Pose einen Zettel in die Kamera, auf dem stand: „Wir wünschen dir einen schönen Tag, Charly!“

Man hört, Sie hätten Gerlinde versprochen, erst dann in Rente zu gehen, wenn sie alle 14 Achttausender geschafft hat. Ist dem tatsächlich so?

Gabl Das war eine reine Maßnahme der Motivation. Heuer müsste sie den K2, ihren letzten Achttausender, aber schaffen, da ich im Bundesdienst mit 65 in Rente gehen muss. Für den Fall, dass es nicht klappt, habe ich allerdings vorgesorgt. Der Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien hat zugestimmt, dass ich die Beratung von Expeditionen noch einige Zeit fortführen darf.

Stimmen Sie auch Ihre Urlaubsplanung mit Kaltenbrunner ab?

Gabl (lacht) In der Tat, ja. Falls Gerlinde im Himalaja unterwegs war, habe ich in den vergangenen Jahren im Mai keinen Urlaub genommen. War sie im Karakorum, betraf dies die Sommermonate Juli und August.

Frau Kaltenbrunner nennt Sie ihr wichtigstes Teammitglied. Ehre oder Bürde?

Gabl Weder noch. Es ist mir eine wahre Freude!

Kaltenbrunners Ehemann, Ralf Dujmovits ist einer der besten Höhenbergsteiger überhaupt. Seit wann kennen Sie sich?

Gabl Wir haben uns vor über 30 Jahren kennen gelernt. Damals war er – wie ich – Bergführer beim DAV Summit Club. Eine nette Geschichte, die gut beschreibt, was für ein toller Mensch Ralf ist, hat sich 1995 zugetragen. Ich war mit einer Expedition am Cho Oyu. Ralf war ebenfalls mit einer Gruppe dort. Ich musste damals mit Verdacht auf Erfrierungen auf 7.800 Metern umkehren. Mein Zelt blieb oben. Ob Sie es glauben oder nicht: Wochen später kam es mit der Post in Innsbruck an. Ralf hat das Zelt abgebaut, runter getragen und mir schließlich geschickt. Ralf ist meiner Meinung nach ein Mensch mit einer außergewöhnlichen Sensibilität. Auch was die Gefahren beim Bergsteigen anbelangt. Ralf stand bekanntlich schon 18 Mal auf einem Achttausender. Er ist unheimlich erfahren. Ohne seine Gefahreneinschätzung und sein außergewöhnliches Risikobewusstein wäre er eventuell nicht mehr am Leben. Gerlinde und er zusammen bilden ein wirklich starkes Team.

Werden Sie für diesen speziellen Wetterservice eigentlich von den Profibergsteigern bezahlt?

Gabl Eine Bezahlung gibt es nicht. Ich sehe das eher als einen Freundschaftsdienst. Diesen Service erbringe ich letztendlich im Rahmen des Alpenverein-Wetterdienstes, der vom Deutschen und Österreichischen Alpenverein getragen wird. Diesen kostenlosen Wetterdienst gibt es auf meine Initiative hin seit 1987. Mittlerweile haben wir über 270 000 Leute beraten. Eine gute Sache, oder?

Haben Sie sich in Ihren Prognosen schon einmal geirrt?

Gabl Natürlich und leider. Ich denke hier z.B. an Ralf Dujmovits bei einer geführten Tour auf den Manaslu (8163m). Meine Rede war von einigen Schauerzellen, jedoch fielen dann in zwei Stunden 60 cm Neuschnee! Der Gipfel gelang erst im zweiten Versuch.

Gibt es Bergsteiger, die trotz Ihrer Schlechtwetter-Warnungen aufsteigen?

Gabl Die Entscheidung, ob auf- oder abgestiegen wird, muss bei den Bergsteigern verbleiben. Auch die Beurteilung der durch das Wetter generierten Verhältnisse. Unter diesem Aspekt ergibt sich auch, dass ich eigentlich nicht warne, sondern vielmehr berate. Die letzte Entscheidung trifft natürlich der Bergsteiger selbst.

Sie waren in jungen Jahren selbst ein sehr ambitionierter Bergsteiger. Ein paar Highlights aus Ihrem persönlichen Tourenbuch:

Gabl Im Hindukusch in Afghanistan gelang mir 1970 die Skibefahrung des 7492 m hohen Noshaq. Das war bis 1981 der höchste Gipfel, von dem mit Skiern abgefahren wurde. Sozusagen Weltrekord. Im Jahr 1973 folgte eine Erstbegehung eines Pfeilers am Huascaran in den Peruanischen Anden. Andere Touren: Zinne Nordwand (Comici), Ortler und Königsspitze Nordwand, Monte Rosa O-Wand, Wintererstbegehungen am Patteriol im Ferwall (NO-Grad, SO-Pfeiler), 17 Vulkane u.a. Ojos del Salado (Chile).

Wie darf man sich den ersten Anruf von Gerlinde Kaltenbrunner bei Ihnen vorstellen, nachdem sie erfolgreich auf einem Gipfel stand?

Gabl Ein extrem erfreulicher Moment, bei dem auch große Emotionen frei werden. Da fließen mitunter auch bei mir die Tränen. Gerlinde ist ein wunderbarer Mensch, aber ich möchte in diesen Momenten auch die Stimme von Ralf nicht missen. Die beiden sind ein unheimlich sympathisches, starkes Paar!